1055

Am Ende, wenn die Welt vergeht
Und kein Gedicht weiß, wer wir waren,
Wenn kein Atom mehr von uns steht
Seit zwölf Milliarden Jahren,

Wenn schweigend still das All zerstiebt
Und mit ihm auch die letzten Fragen,
Wird es die Welt, die’s nicht mehr gibt,
Niemals gegeben haben.

—-
aus: Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur

another booktip

Ein Auszug aus ‘Agnes’ von Peter Stamm:

Nach dem Essen mußte ich mich neben Agnes an den Schreibtisch setzen. Sie schaltete den Computer ein und öffnete ein Textfile.
»Lies«, sagte sie.
Ich begann zu lesen, aber kaum hatte ich die ersten Sätze überflogen, unterbrach sie mich und sagte: »Siehst du, ich habe auch eine Geschichte geschrieben. Ich möchte mehr schreiben. Wie findest du es?«
»Laß mich erst lesen«, sagte ich. Aber sie war zu gespannt, um ruhig neben mir zu sitzen.
»Ich geh und mache uns einen Kaffee.« Ich las.

Ich muß gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus. Ich fahre mit dem Zug. Ein Mann starrt mich an. Er setzt sich neben mich. Er steht auf als ich aufstehe. Er folgt mir, als ich aussteige. Wenn ich mich umdrehe, kann ich ihn nicht sehen, so nahe ist er mir. Aber er berührt mich nicht. Er folgt mir. Er spricht nicht. Er ist immer bei mir, bei Tag und in der Nacht. Er schläft mit mir, ohne mich zu berühren. Er ist in mir, er füllt mich aus. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur ihn. Ich erkenne meine Hände nicht mehr, meine Füße nicht. Meine Kleider sind zu klein, meine Schuhe drücken, mein Haar ist heller geworden, meine Stimme dunkler. Ich muß gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus.

Ich hatte den Text schnell und oberflächlich gelesen. Ich war ungeduldig. Verlegen lächelnd kam Agnes aus der Küche zurück. Wir setzten uns wieder an den Eßtisch. Die Kerzen waren beinahe heruntergebrannt.
»Und?« sagte sie.
»Kaffee?« fragte ich. Ich hatte keine Lust, ihren Text zu beurteilen, und nahm es ihr übel, daß sie mich dazu zwang. Als sie sich entschuldigte und mir Kaffee eingoß, schämte ich mich.
»Schau«, begann ich. Ich hielt ihren erwartungsvollen Blick nicht aus, nahm meinen Kaffee und trat ans Fenster. »Schau, man setzt sich nicht einfach hin und schreibt in einer Woche einen Roman. Ich schreibe ja auch keine Computerprogramme.«
»Es ist doch nur eine kurze Geschichte«, verteidigte sich Agnes.
»Ich kann sie nicht beurteilen«, sagte ich, »ich will es nicht. Ich bin kein Schriftsteller.«
Agnes schwieg, und ich schaute hinaus auf die Straße.
»Du mußt nicht«, sagte sie.
»Sie kommt mir vor wie eine mathematische Formel«, sagte ich, »wie wenn du irgendwo im Kopf eine Unbekannte X gehabt hättest, die es zu finden gilt. Die Geschichte wird immer enger, wie ein Trichter. Und irgendwann ist das Resultat null.«
Ich redete noch eine Weile so dahin und glaubte wohl selbst an das, was ich sagte. Es ging schon lange nicht mehr um die Geschichte. Vielleicht war sie wirklich nicht gut, sicher aber war sie besser als alles, was ich in den letzten zehn Jahren geschrieben hatte.
»Du liest ja nicht einmal«, sagte ich schließlich, »du hast ja keine Bücher. Wie willst du schreiben, wenn du nicht liest?«
—-
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Herr K. geht

Herr K. verließ das Haus um 6 Uhr dreißig wie an jedem Morgen.
Er hatte seine Aktentasche und einen Regenschirm dabei. Es war Herbst.
Regen war zu erwarten. Herr K. war Anfang 60 Jahre alt und auf dem Weg ins Büro.
Er arbeitete in der Verwaltung eines Stromversorgungsunternehmens, das Strom aus
regenerativen Energieformen gewann. Noch regnete es nicht.
Seinen BMW mußte er letzte Woche verkaufen, da er das Geld dringend zur Begleichung von
alten Schulden brauchte. Er bog um die Ecke der Kreuzung, an der ein altes, rotes Backsteingebäude stand, das früher einmal eine Schule war und jetzt leerstand.
Eine tote Taube lag auf dem Bürgersteig.
Eigentlich nichts besonderes, aber für Herrn K. änderte sich in dem Moment, als er sie sah
einiges, um nicht zu sagen alles. Eine ganz alte, fast vergessene, verdrängte Erinnerung aus
seiner Jugendzeit stieg in ihm auf und er konnte sich nicht dagegen wehren.
Das Erlebnis, an das er denken mußte, lag mindestens vierzig Jahre zurück und die
Erinnerung daran war der Macht der Gewohnheit, dem Alltag, dem ganz normalen Wahnsinn
der Büroarbeit gewichen.
Als Herr K. jung war, war er ein Punk.
Für diejenigen, die mit dem Begriff `Punk´ nichts mehr oder noch nichts anfangen können,
muß gesagt werden, daß Punk sein mehr bedeutete als kaputte Hosen, bemalte Leder-jacken, Dosenbier und gefärbte, chaotische Haarschnitte. Man unterstellte ihnen oft
`No-Future´-Einstellungen, Fuck Society. Aber die Punks damals hatten auch Werte, die ihnen wichtig waren. Sie teilten ihr letztes Bier mit einem wildfremden Menschen, der um die
Ecke kam, sich zu ihnen setzte und einfach zuhörte, erzählte, oder schweigend mittrank.
Der junge Herr K. war derjenige, der um die Ecke kam und sich dazusetzte.
Ein Typ hatte eine verletzte Taube in den Händen und beschützte sie oder er wollte einfach nicht einen Backstein nehmen und sie plattmachen. Sie würde in der nächsten halben Stunde sowieso sterben. Aber für diesen Typen war es lebenswichtig, diese Taube in Ruhe sterben zu lassen.
Den Grund dafür erzählte dieser Typ – nennen wir ihn Martin – dem jungen Herrn K.
Es war eine lange, schwer zu verstehende, anrührende, chaotische und unglaubliche
Geschichte. Martin erzählte noch, als die Taube schon lange tot war, die Leute um sie herum
kamen und gingen, und als der Sicherheitsbeamte um 22 Uhr den Platz am Brunnen räumte,
erzählte Martin immer noch. Sie waren beide inzwischen völlig Hacke, das heißt besoffen.
Der junge Herr K. mußte Martin richtiggehend abwimmeln. Martin wollte, daß der junge Herr K. mit zu seinem Stammplatz kam an dem er Platte machte, das heißt er war obdachlos.
Aber Herr K. hatte eine Wohnung. Er hatte ein Zimmer in einer WG und wollte nur noch ins
Bett, obwohl ihn die Geschichte doch gefesselt, fasziniert hatte. Aber die Wirkung des
Alkohols war stärker.
Als Herr K. nun die tote Taube sah – wir sind wieder zurück im 21. Jahrhundert – fiel ihm ein,
daß er gestern eine ungewöhnliche Todesanzeige in der Zeitung gelesen hatte.
Sie lautete : # für Martin, den Ex-punk
Herr K. hatte sich nichts besonderes dabei gedacht. Ein Spinner macht sich einen Scherz, hatte er gedacht.
Doch als er nun die Taube sah, setzten sich fragmentarische, bruchstück- und nebelhafte
Erinnerungen zusammen.
Herr K. schmiß seine Aktentasche und den Regenschirm weg und ging auf Wanderschaft.
Er ging und ging und ging.
Es begann zu regnen.

xantasy

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