Herbst

die blätter fallen
die wolken ziehn vorüber
schatten der erinnerung huschen
übers gesicht, wie ein lächeln,
wie in den schlaf gestreichelt zu werden
oder jemand zu halten und gehalten werden
der kreislauf beginnt sich zu schließen
aber ganz vollendet wird es nie sein
das große spiel bildet sich ab
und spiegelt sich im kleinen wieder
ein spaziergang in der unendlichen weite des landes
die natur und die weisheit der zeit
lindern manche fast vergessenen schmerzen der seele
die wolken ziehen vorüber
und während die blätter
in die einsamkeit zu zweit schweben
fragt man sich

wie wird es werden ?

Das Schwere und das Schwarze

Um 12 Uhr 47 und 45 Sekunden schlug der Gong. Es wurde Zeit. Auch wenn niemand mehr übrig war, der es hätte zur Notiz nehmen können, ging ich in den Ring. Ich war, wie sollte es anders sein, allein. Mein Gegner war ich also selbst. Rollen wir die Geschichte auf.

Ursprung

Der ewige Tod wartet auf alle von uns. Auch wenn die wahren Verdammten dieser Erde mittlerweile in den Fernsehshows aufeinander losgehen, so ist das ein schwacher Trost. Und doch handelt dieses Buch von Hoffnung. Die stirbt. Ich tat es. So wie es geschrieben steht, nicht im eigenen Namen. Jahre des Nichtstuns lagen hinter mir und eine unmenschliche Wegstrecke vor mir. Ich kam mal wieder allein nach Hause, als ich eine Werbesendung im Briefkasten entdeckte, die meine Aufmerksamkeit erregte.

‘ Kommen Sie um 14 Uhr in die Manege in Eldersleben, Sie werden wahre Verrückte erleben, ohne Schaden zu nehmen. ‘

Ich nahm einen Schluck Eistee und dachte eine halbe Stunde darüber nach, als Dick Deadeye, mein alter, fauler Kater nach Nachschub verlangte. Ich erledigte meinen Job als Dosenöffner und warf die Werbesendung weg. Das brauchte ich nun wirklich nicht. Ein nicht unwichtiges Detail gleich am Anfang.
Zuerst rauchten wir Thai-Gras. Und genug davon. Ein Wunder, dass ich nicht als bekiffter Hippie Schafe züchtete sondern meine Arbeit als informatik-vorgebildeter Psychologe in der Klinik am Stadtrand erledigte. Wie Sie sehen, entwickelt sich die Geschichte als Mischung aus Wunschträumen, bittersüßen Erinnerungen, autobiografischen Sprengseln sowie jeder Menge Wut. Sogenannte ‘Emotionen’ begriff ich schon immer als Motoren des menschlichen Handelns, nicht die Ratio. Weggefährten kamen und gingen. Frauen kamen und gingen. Jobs kamen und gingen. Die Emotionen blieben. Als Same wurde Empathie gewiss in meine Wiege gelegt. Mittlerweile konnte ich ganz gut über die Geschichte nachdenken, die erst langsam begann, aus mir hervorzutröpfeln. Am liebsten schrieb ich nachts. Am besten schrieb ich, wenn ich mich als Getriebener der eigenen Vergangenheit begriff, darum ist es mir unmöglich, Brecht’ sche Verfremdungseffekte einzubauen. Hoffentlich würde der oder die Betroffenen wenigstens meiner Sprache mächtig sein, da ich ansonsten keinesfalls beruhigend auf den Rasputin im Keller einwirken konnte. Im Ursprung lag meine Familie aus dem Proletariat sowie mein normalerweise messerscharfer Intellekt, der immer und immer wieder wie durch ein Sieb aus Kontrollmechanismen durchfiel. Die Wut ist eine meiner frühesten Erinnerungen. Dick Deadeye war mein Medium, das ich in meiner Einsamkeit vermissen würde, wenn ich noch etwas zu fühlen im Stande gewesen wäre. Jemand, der nicht fragt. Jemand, der dich akzeptiert, so wie du bist. Jemand, der dich braucht. Jemand, auf den du dich freust. Jemand, der Anteil nimmt. Das tat ich wohl. Professionell. Aber wer war aus mir geworden ? Wären meine Patienten nicht in Wirklichkeit ohne mich viel besser über die Runden gekommen ? Ich hatte mich selbst überflüssig zu machen, das war mein Job. Hass und Wut und ungezählte Schicksale säumten meinen Weg. Ich war Spezialist für Sexualstraftäter. Die fehlende Empathie musste der Schlüssel sein. Man nannte es Soziopathie, Schizophrenie und belegte es mit immer detailreicheren Diagnosen. An den Ursprung kam man nicht heran. Nie. Auch das Böse hatte einen Samen, das hatte ich mir angelesen. Erlebt. Gefühlt. Erzählt. Verdrängt. Gelebt. Nicht vergessen. Dick Deadeye, was meinst Du, sollen wir eine Pause machen ?

Nun haben wir ein ‘Nie’ eingefügt, Dick Deadeye. Sollen wir es Ihnen erzählen, Dick, was meinst Du ? Sollen wir Ihnen erzählen wie es ist, neben einer Toten aufzuwachen ? Sollen wir Ihnen erzählen, wie es ist, nach 30 Jahren ‘Ich hab’ s geschafft, ich bin ich’ ins Tagebuch zu schreiben ? Sollen wir Ihnen erzählen wie es ist, gehasst zu werden und zu hassen ? Sollen wir Ihnen von Soulfly erzählen, von Unsane und all den Anderen ? Sollen wir Ihnen von Brüdern und Schwestern, die ihr Leben ließen erzählen, die auf dem Klo gefunden wurden ? Sollen wir Ihnen von Petrica erzählen und dem geküßten Sarg ? Ich weiss es nicht, Dick Deadeye, weisst Du, wie wir es machen sollen ? So geht das.

Ich dachte an Brüste, den ganzen Tag lang dachte ich an nichts anderes als Brüste.

Ein Subjekt steht per Definitionem im Mittelpunkt des Handelns, während man bei einem Objekt mit oder an diesem handelt. Die Sexualität von Straftätern kann ebenso schillernde, mannigfaltigen Formen annehmen wie Bakterien im Darm einer Ratte (oder eines Menschen) wohnen. Es sei angemerkt, dass ich die Erfahrungen und Phantasien, die ich verbreite, zu einem großen Teil er- oder durchlebt habe, aber es wahrscheinlich für Sie als Leser offenbleibt, welcher Teil Phantasie und welcher Teil Realität ist. Es sei.

In meinem letzten Leben als Programmierer musste ich mich mit ausufernden, illusorischen, allumfassenden Vorstellungen meiner Auftraggeber herumschlagen. Nun habe ich mich als Psychologe auf den beobachtenden und dokumentierenden Teil meiner Tätigkeit als Wissender beschränkt, denn wie der aufmerksame Patient/Leser/Kollege/Klient/Bekannte/Suchende nur allzubald erfahren muss, ist die Psychologie keinesfalls eine exakte Wissenschaft wie beispielsweise die Physik oder die Biologie sondern, wenn überhaupt, eine empirische.

Sie können sich nicht in ihr Gegenüber hineinversetzen, sie fühlen nur den eigenen Schmerz. Empathie könnte uns dennoch retten, denn man kann von gesunden Verhältnissen ausgehen. Wenn man zu spät beginnt, es zu lernen, ist es zu spät. In der prägenden Phase finden normalerweise einige Schlüsselerlebnisse statt, die den Grundstein legen. Charakter sagt nicht viel aus, Verhalten tut es.

Nennen Sie mich Ewing. Keine Feier ohne Meier, das war meine Jugend in einem Satz. Es gibt die dunkle Seite, glauben Sie mir. Wenn Sie eine Liebesgeschichte lesen wollen, sind Sie hier falsch. Verrat und Perversion, das sind die Themen. Zumindest in diesem Teil, denn ich habe für dieses Werk bereits eine Grobeinteilung im Kopf und wir befinden uns mitten im Ursprung. Wir haben 9 Tage vor Weihnachten und wahrscheinlich schreibe ich noch Jahre daran. Einsamkeit und Isolation haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Zum besseren Verständnis: ich wechsele die Seiten sprunghaft und ohne mittelbare oder unmittelbare Ankündigung. Wenn der Ursprung allen Lebens DAS NICHTS ist, warum soll es dann nicht auch DAS BÖSE geben ?

Untersuchen wir unser Thema also etwas genauer. Vielleicht ist es hierzu hilfreich, einige Abgrenzungen vorzunehmen. Ein böses Kind, ein böses Schicksal, ein böses Verbrechen, ein böses Verhalten. Von diesen genannten interessieren beruflich nur die beiden letzten.
Grenzen wir unser Thema genauer ein, betrachten wir das Gegenteil. Allgemein angenommen wird, das Gegenteil von ‘Böse’ sei ‘Gut’. Ein gutes Essen, eine gute Tat, ein gutes Wort, gut also als etwas, das als positiv empfunden wird. Um also dem Ursprung noch näher zu kommen, betrachten wir nun doch ein böses und ein gutes kindliches Verhalten. Anzumerken ist, dass das Kind selbst kein Bild von seinen Taten hat. Was es als böse oder gut ansieht, wird ihm von außen vorgegeben.
Es zertritt einen Käfer. Tötet ihn.
Es schlägt ein anderes Kind.
Warum nun greifen die Eltern im ersten Fall nicht ein ? Warum nun wird im zweiten Fall der Vorfall von Eltern und/oder Erziehern zum Thema gemacht ? Naiv könnte man nach dem Unterschied zwischen Käfer und Mitmensch fragen. Wann setzt in der kindlichen Entwicklung die Abstraktionsfähigkeit ein ? Woran liegt es, wenn ein Mensch falsche Wertevorstellungen entwickelt ? Gibt es hierbei richtig und falsch ? Oder müsste man sagen: meine Wertevorstellung ist eine andere als deine, darum denke ich, ich bin besser als du und du bist mir fremd ?
Fragen wie diese treiben unser Vorhaben voran, stellen wir also weitere. Wann wird ein Mensch böse ? Warum, wie und warum entscheidet er sich für Böses ? Hier kann es durchaus gefährlich werden, zu tief zu forschen. Wecken wir also etwas oder jemanden in unserem Inneren, wenn wir nachgraben ? Die eigene Motivation wird allerdings schon seit geraumer Zeit nicht mehr hinterfragt. Beginnen wir also tatsächlich doch noch zu forschen ? Gut zu wissen, dass der Motor, der uns antreibt, außerhalb unserer selbst liegt. Woher nun dieses Wissen ? Hat etwas oder jemand Macht über uns ? Wurde etwas als Same quasi in unsere Wiege gelegt, das uns prädestiniert, also vorherbestimmt hat, dass wir diesen und nicht einen anderen Weg gehen ? Warum also schreiben wir ‘wir’ und nicht ‘ich’ ?
Lohnt es sich am Ende etwa doch noch, die Tätigkeit des Schreibens etwas genauer zu betrachten ?

Wir sind wir. Wir sind viele. Wir sind stark und doch gleichzeitig schwach. Wir haben nur Fragen. Wir sind friedlich zu Euch und kämpferisch gegen unser Selbst. Wir haben zu lange gewartet. Wir fragen nun : Wer seid Ihr, dass Ihr uns so bedrängt ? Wir fragen weiter : Glaubt Ihr etwa, wir würden Eure Lügen nicht bemerken ? Wir fragen : Wann wird es Zeit für einen großen Frieden ? Wir fragen : Merkt Ihr denn nicht, dass Ihr Euch selbst stürzt ? Wir fragen : Haben wir denn nicht das Recht zu atmen und unser Leben selbstbestimmt zu leben ? Wir fragen : Und das alles im Namen des heiligen Einen Gottes ? Wisst Ihr denn nicht wer die Menschen sind, wo sie herkommen, wo sie waren, wo sie nun stehen und wohin sie gehen werden ? Schämt Ihr Euch denn nicht ob Eurer bodenlosen Unverschämtheit und Eurer Gehässigkeit ?
Wann, ja wann werden wir Frieden finden ?

Freiheitskämpfer wie Jeanne d’ Arc oder Rosa Luxemburg haben den Weg bereitet und ihr Leben dafür gelassen. Freiheit bedeutet etwas wie ein unendlicher Ozean. Eine Vision, für die es sich zu kämpfen lohnt. Frieden und Gerechtigkeit sind Samen, die ins Herz der demokratischen Gesellschaft gepflanzt worden sind und die sich nun langsam über den gesamten Planeten ausbreiten. Es tut weh, nichts in der Hand zu haben. Wo ist der lebendige Gott ? Wo ist er, wenn uns Unrecht geschieht ? Wo ist er, wenn wir geliebte Menschen verlieren ? Wo ist er, wenn Spott und Häme über uns ausgegossen werden ? Warum schweigt er ? Oder redet er trotzdem durch sein Wort, durch Geschwister zu uns ?

Auch ohne konzeptionelle Überlegungen schreibe ich weiter. Vielleicht sollte ich den bisherigen Fortschritt auf ein Minimum eindampfen.

Damit auch nicht ein Jota verlorengeht, hier schreibt einer, der nicht anders kann.

Mauritius Niederhol nimmt Ergonyl

Nachdem die heftigsten Gewitterattacken auf dem verschlammten Waldweg abgeklungen waren; es war dunkel, kalt und ungemütlich; erblickte Maurie vier riesige Windmühlenflügel, die sich zu seinem Erstaunen, unmerklich langsam zwar, aber dennoch drehten. Als er sich dem Gebäude aus dem vor- oder drittletzten Jahrhundert näherte, schauderte es ihn ob des Geruchs von Essensresten, Fahrzeugteilen, vermoderten Pilzen und verschiedenen Teesorten. Unerschrocken pirschte er sich an den kleinen Eingang heran. Aus dem Augenwinkel erblickte er eine kleine Filmdose, die er jedoch wohlweislich unangetastet liegenließ. Den Durchmesser eines Flügels maß er grob auf über fünfzehn Meter. Ungehindert stieß er die Tür auf und trat ein. Noch mehr Dunkel umgab ihn, aber wenigstens war es trocken. Mehr als alles andere dürstete es ihn nach einem frisch aufgegossenen Tee. Er tastete sich vorwärts, schließlich fiel ihm wieder ein, dass er ja mal Raucher gewesen war, folglich fand er in seiner rechten Hosentasche ein Feuerzeug mit benutzbarer LED. Zunächst die LED nur einmal kurz aufblitzen lassend und von weiß zuckenden Blitzen von draußen unterstützt sah er viele Säcke unbekannten Inhalts an der dem Eingang abgewandten Seite aufgestapelt. Nachdem er ihren Inhalt als essbar identifiziert hatte, begann er, den Rest der alten Mühle zu untersuchen, um der rätselhaften Funktionstüchtigkeit und eventuellen weiteren Bedienungsmöglichkeiten auf die Spur zu kommen.

Nach einigen geistigen Notizen versetzte ich mich zurück ins hier und jetzt, dokumentierte ein ‘klack-ratsch’ und beamte mich für kurze Zeit raus.

‘Klack-ratsch’ machte es auch, als Maurie die nicht mehr vollständig besprosste Leiter zu dem Bedienungsdeck des Mühlfahrzeuges erklommen hatte und die Leiter unter seinen Füßen ins unerreichbare Erdgeschoss zurückfiel. Das Deck erwachte flackernd zum Leben. Nach einigen Stunden Erkundungs- und Testbedienungen mit Hilfe eines rot-weißen Rescue-and-check-modusses hatte Maurie die Sauerstoffzufuhr, den Mahltrieb, den Windgeschwindigkeitsmesser, die Eisboxen für die Fracht und die Kommunikationsanlage probehalber bedient und intuitiv rudimentär verstanden. Obwohl er zwar punktuell gern allein war, entschloss er sich doch, bis zur Rekrutierung oder Zusammenfindung mit ein oder zwei Gefährten oder Gefährtinnen beim Rescue-and-check-modus zu bleiben. Er vermisste seinen Hund Fridge. Im Deckkühlschrank samt umfunktionierter Icebox befand sich genug Nahrung von Pizza über Kuchen bis zu Bier, Kaffee und Tee, sodass er die Kommunikationsreichweite als Rufweite getrost verkraften konnte und endlich einen Tee trank, bevor er versuchte, Johann und Jane zu erreichen, notfalls per guter alter Post, Trommeln, Rauchzeichen oder Flaggensprache, da beide sich zu diesem Zeitpunkt in Blick- und Rufweite befinden mussten und auch noch würden, wenn der Tee vorüber war.
Blieb die Frage, ob die beiden erstens aufnahmefähig und zweitens willens und in der Lage waren, einen Startversuch zu unternehmen. Er konnte nicht mehr allein runter, ohne sich die Knochen zu brechen, aber sie könnten hochkommen und ihn, wenn schon nicht tatkräftig, so doch seelisch-moralisch unterstützen.

‘Gimme beer’, sagte Maurie.
Fridge schwieg. Genauer gesagt schwiegen alle drei Fridges. Der Hund Fridge hörte seinen Namen, hob kurz den Kopf und wandte sich dann desinteressiert ab. Alle drei Fridges waren Materialisationen oder Impersonifikationen aus demselben Paraversum. Der Kühlschrank Fridge begann einen Kühlungswärmeaustauschzyklus. Das Gesamtsystem des Windmühlencockpits hatte den Status ‘Künstliche Intelligenz’ hinter sich gelassen und konnte mit Fug und Recht als Natürliche Intelligenz bezeichnet werden. Auch es schwieg, weil das Bier zu Neige gegangen war. Ansonsten hätte es mit ‘Mehr Details, bitte’ geantwortet. Fridge brummte derweil lediglich etwas vor sich hin. Er brummte virtuell, da er keinen physischen Schädel besaß, der vom eingebildet inhalierten Alkoholkonsum brummen konnte, aber er war durch unzählige analoge Röhrenverstärker geflossen, so dass man mit Recht von brummen reden konnte. Maurie holte tief Luft, dachte an nix und fuhr den Siliziumanteil in der Glasfaserproduktion etwas nach oben.
Wir Informatiker hatten es geschafft, die Welt perfekt von der Maschine abhängig zu machen, die Programmiersprachen und Datenbanken, die Algorithmen und Datenstrukturen verschwammen zu Appointments, Googlemania, SMS-Schleudern mit Sexwerbung, wir vergaßen, was uns als Menschen eigentlich ausgemacht hatte, nämlich das zutiefst analoge Element des Vergessens, der Fehlhaftigkeit und des Versagens.

Das Vergessen könnte allerdings ebensogut auf über- und regelmäßigen Cannabisgenuss zurückgeführt werden, während die Fehlhaftigkeit jedwedem Leben sowie Bauteilen und Algorithmenfolgen potentiell immanent ist und das Versagen ist eine Übung, die auf alle, jeden und jede von uns wartet, Programm, Pflanze, Struktogramm, Tier, Atomkraftwerksummantelung, Verhütungsmittel, Kaffeedosenverschluss oder Mensch.

‘Kokosfett und Tiefseeschlamm in den Notfallkoffer !’ sagte Fridge.

Nachdem er diesen selbsterteilten Befehl akustisch und inhaltlich verstanden und bearbeitet hatte, legte er beide Dinge vorsichtig hinein. Er öffnete das Bullauge, sah eine Weile ins Leere, öffnete dann die Tür und ging los.

Als Fridge wieder zu sich kam, fühlte er, zunächst nur beinahe unmerklich, seine Füße und fragte sich einen Sekundenbruchteil, wer er war und was er tat und dachte.. ‘Ich gehe zu Fuß’, meldete sich sein Bewusstsein. ‘Woher, wohin, warum und was ist mein Ziel ?’ Er wurde von Gedanken überflutet, setzte aber trotzdem weiterhin einen Fuß vor den anderen.

In der Windmühle war alles auf Autopilot geschaltet. Das Überwachungsprogramm lief. Maurie beobachtete Fridge auf allen Bildschirmen. ‘Er hat’ s geschnallt.’ dachte Maurie. ‘Er braucht nur gehen.’

b (oder Sanity)

Ich stehe auf. Ich gehe. Ich verlasse das Haus. Peter Stamm ist Schweizer. Der Rezipient erfährt etwas von dem Prozess. Der Unendliche Unwahrscheinlichkeitsdrive ist in etwa so wie ein PAL oder von schlechten Nachrichten angetriebene Raumschiffe. Allerdings hätte Professor Tarantoga auch noch etwas dazubeizutragen gehabt. Das Domain Name System ist ausser Kontrolle geraten. Wenden wir uns Erfreulicherem zu. Sanity ist nicht selbstverständlich. Im weiteren Verlaufe wird eine Verifizierung oder eine Falsifizierung vorgenommen. Synchronisation vorgenommen.

Die Bartolomäusnacht gehört noch nicht zu den konsumierten Dingen. Pulp Fiction hingegen sehr wohl. Boston (Massachuchetts) ist die Wiege.

92.205.21.120

Was zählt der Augenblick,
wenn es eine Ewigkeit dauert,
den Schmerz zu verwinden ?

Was zählt ein süßer Kuß,
wenn die Zeit danach
unendlich bitter schmeckt ?

Was zählt das Feuer einer Nacht,
wenn die Tage danach
eisig und kalt sind ?

Was zählt das Wort,
wenn die Taten
eine andere Geschichte erzählen ?

Was zählen die Taten,
wenn die Worte
sie zunichte machen ?

Was zählt die Geborgenheit,
wenn Einsamkeit
sie ummantelt ?

Was nährt die Hoffnung,
wenn die Realität
sie zerstört ?

Warum eine kranke Seele pflegen,
um sie dann
dem Alleinsein zu überlassen ?

Warum sich klammern
an eine längst verlorene Sache ?

FORTSETZUNG

Es zählt alles
Es zählt,
weil es uns am Leben erhält.

Der Augenblick zählt,
weil er die Vergangenheit reicher macht.

Der Augenblick zählt,
weil er der Phantasie Flügel verleiht.

Der Augenblick zählt,
weil er alles ist,
was wir besitzen.

Der Augenblick zählt,
weil er alles ist,
was wir in diesem Augenblick besitzen.

Der Augenblick ist das Fundament der Gefühle.

Der Augenblick ist vielleicht der letzte Schritt.

Der Augenblick ist vielleicht der letzte Eindruck,
den Du bei mir hinterläßt,
bevor Du gehst.

Der Augenblick ist es,
den ich als Bild von Dir behalten möchte.

a (oder Wahrheit)

Machen wir ein Schreibexperiment. Lektüre kann Wissen erweitern, aber auch verwirren. Bücher werden nicht notwendigerweise in derselben Reihenfolge geschrieben, wie sie gelesen werden. Unwägbarkeiten ergeben sich, wenn man sich für den Weg als Autor entscheidet. Science Fiction ist Realität geworden. Nachdem Normalität wiederhergestellt war, wunderten wir uns doch etwas. Code is Poetry. Befinden wir uns in einem “Dream within a Dream” ? In der Mathematik kann man zunächst behaupten was einem gerade in den Sinn kommt. Beweis durch Widerspruch ist eine allseits bekannte Methodik. Nach diesem Icebreaker synchronisieren wir uns.

Matrix ist ein allseits weitverbreiteter Chatclient. Die dazugehörige Oberfläche der Wahl heisst “Element”. Nun fahren wir mit der Dokumentation fort.

Melbourne wartet. 46.163.118.221

Tagein, tagaus dieselbe Runde
wie ist der Schlaf, so sei die Kunde
wie geht’ s, wie steht’ s was macht das Herz
und was macht der Seelenschmerz
Manie, Depression und Schizophrenie
manche Wunden die heilen nie
doch die Situation die ändert sich
wenn man sich sagt ich akzeptiere mich
der Doktor fragt : wie wirken die Pillen ?
ich sage was zählt ist der Willen
ein Zeichen gegen die Gleichgültigkeit
ist ein Steinwurf mit Macht dann fliegt man weit
die Welt ist nicht scheisse sie ist bunt
ich schreibe mir die Finger wund
es klappt wenn man sagt ich habe Kraft
und lebe mit ganzer Leidenschaft
ein Feuer brennt in jedem von Euch
im Auge, im Herz und jetzt Schluss mit dem Zeuch

Umwege

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist keinesfalls eine gerade Linie. Im rein mathematischen Sinne ist das natürlich der Fall. Aber wir reden hier nicht von Mathematik, sondern von Umwegen in der Lebensführung, in biographischen Entwicklungen, im Korrigieren von Fehlern, in Grenzüberschreitungen. Wir sprechen auch nicht im theologisch-spirituell-philosophischen Sinne. Im lebenspraktischen, dinglich orientierten, überlebenstechnischen, physikalisch-biologischen Sinne gehören Umwege einfach dazu. Evolution, genau wie Genesung von Krisenerfahrung und Sinnverlust, geschieht nicht über Nacht. Bedingt durch eine Grenzerfahrung kämpft der Autor sich durch die medialen und rehabilitationstheoretischen Straßenwelten der Institutionen dieser Republik. Die Krankenhausflure waren schwer erträglich. This is not meant as excuse but as explanation.

<edited>lmn</edited> (this is xml notation and a rww-feature) Safety pins for socks and tennis balls for pillars.

Noch einige Büchertips:

Kurt Vonnegut – Zeitbeben
Andrew Henry Vachss – The Burke Series
Clive Staples Lewis – Die Perelandra Trilogie
Daniel Quinn – Ismael
Max Goldt – Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zwickau
Paul Auster – Leviathan
Douglas Noel Adams – The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy
Rudy Rucker – Der Ozean der Wahrheit

5223 (as seen on TV: Horst)

Horst

tags: literatur silvester horst

Normalerweise ist es dunkel, aber wir haben auch keine Augen in dem Sinne. Wir sind viele. Ein paar von uns leben im Mund, ein paar im Magen und im Darm, ein paar in den Adern, einige gar im Gehirn und der Blutkreislauf würfelt uns regelmäßig ordentlich durcheinander. Wir sind die unsichtbare Schutztruppe, die für die hormonelle und biochemische Gesundheit unseres Wirtes sorgt. Wir hatten uns immer vorgestellt, unser Wirt sei männlich, weiß und etwa 30, aber so genau wissen wir das natürlich nicht. Nennen wir ihn an dieser Stelle einfach einmal Horst. Er tat einiges, um uns auf Trab zu halten, das muss man sagen. Horst hatte heute eine große Menge Alkohol zu sich genommen, so dass wir einiges zu tun hatten, um diesen feindlichen Stoff wieder abzubauen. Er war auf dem Sofa eingeschlafen und wir hatten alle Hände voll zu tun. Molekül für Molekül wandelten wir um. Nein, maßvoll war das nicht gewesen. Wenigstens hatte er sein Essen bei sich behalten. Im Kopf waren einige von uns dabei draufgegangen. Wenn uns jemand gefragt hätte, hätten wir von einer richtigen Vergewaltigung des Körpers berichten müssen. Während Horst also seinen Rausch ausschlief, arbeiteten wir wie die wilden. Morgen würde er mit einem Kater erwachen, einen Kaffee und eine Zigarette zu sich nehmen, unter die Dusche gehen und sich dann an sein Tagwerk machen. Wir nahmen unseren Auftrag sehr ernst, hatten wir doch für das richtige Gleichgewicht zu sorgen und dafür, dass Horst nicht noch mehr Mist machte als unbedingt notwendig oder dass wenigstens sein Körper keinen größeren Schaden davontrug. Nachmittags war der Blutalkoholwert wieder im grünen Bereich. Wir sind so etwas wie die Feuerwehr. Während die Welt feierte, haben wir gearbeitet. Einige von uns konnten Horst immerhin so weit bringen, dass er am übernächsten Tag joggen ging. Da feierten die Endorphine eine richtige Party im Kopf. Während der anschließenden Dusche gingen einige von uns verloren. Beim folgenden Spiegelei bekamen wir endlich wieder Arbeit. Sogar wenn Horst schlief, waren wir aktiv. Wir bauten ihm Bilder, einen richtigen kleinen Film des vergangenen Tages ließen wir in seinem Kopf ablaufen. In der Regel sind wir gut organisiert. Wo unsere Schaltzentrale sich befindet, ist nicht so leicht auszumachen.

Wir kommunizieren in etwa so wie Ameisen oder Bienen. Eine Schwarmintelligenz. Horst war sich noch nicht einmal bewusst, wieviel er uns zumutete. Niemand weiß, ob er überhaupt unsere Anwesenheit erahnte. Mangel an Vitamin C war nicht das primäre Problem, so würde Horst wenigstens nicht an Skorbut sterben. Nun, gewiss trank er zu viel Kaffee und rauchte zu viel. All das bedeutete eine Menge Arbeit für uns. Wir hielten den Laden jedenweils so weit ganz gut am Laufen, denn wirkliche Drogen nahm Horst nicht mehr zu sich. Wir sind schon ganz gespannt, was er sich als nächstes einfallen lässt. Temporäre Verschiebungen sind eingetreten. Ein Flashback schüttelte Horst heute nacht. Oh was liefen da nur für komische Filme. Allein war Horst ins Bett gegangen, allein stand er wieder auf. Er arbeitete in so etwas Ähnlichem wie einem Bergwerk. Am Konsum von psychoaktiven Substanzen konnte es nicht liegen.

Wir hatten ihn nach Stunden wieder so weit, dass er eine Mahlzeit zu sich nehmen konnte. Danach wurde er regelmäßig müde. Uns dünkte irgendwie, wir müssten uns eine Lektion für ihn einfallen lassen. Wir schlossen uns mit dem Herrn des Universums kurz und der sandte uns ein Gehirnrindenkribbeln. Ein ganz leises nur, das Horst nur erahnen konnte, als er über die Straße ging und eine Sirene hörte. Aber es hatte gereicht, er war verunsichert. Als hätten wir ihm ein paar Antennen rausgezogen, bombardierten wir ihn fortan mit Denkanstößen. Wir mussten aufpassen, dass wir nicht übers Ziel hinausschossen. Nun wurde ihm also langsam bewusst, dass er auf der Suche war. Nein ihm war nicht wirklich klar, wonach. Langsam hatten wir ihn so weit, dass er Hilfe annahm. Ein Spaziergang, ein Kaffee, eine Zigarette, ein Gespräch. Er hatte angefangen. Seine biologische Familie schien ihm nicht der richtige Ort zu sein.

Fünfzehn Jahre später würde er darüber mit dem Kopf schütteln, dass diese Reise zu dem unbekannten Ziel so leise und langsam angefangen hatte. Doch heute wusste er davon nichts. Er begann, sich zu strukturieren. Er machte Trinkpausen. Er ließ seine Mitmenschen gewähren, wenn sie denn unbedingt untergehen wollten. Er suchte sich eine neue Familie. Er las. Er betete. Mit Meditation konnte er nichts anfangen. Gewiss, er hörte laute Musik und war cholerisch, aber er begann, zu unterscheiden zwischen Dingen, die er ändern konnte und Dingen auf die er keinen Einfluss hatte. Das war ein Anfang, klein genug. —- In all den Jahren ever since hatte Horst dazugelernt, vielleicht nur graduell, aber immerhin. Nun war er also Gefangener seiner eigenen Vergangenheit. Er wandte sich nicht mehr an Ärzte. Der Hölle entkommen hatte er nun also so etwas wie ein eigenes Leben. Das Bergwerk war der Ort, an dem er tagsüber rauchte. Das System hatte allzu gründlich von ihm Notiz genommen, sogar ein richterlicher Bescheid über seine Betreuung lag vor. Versetzten wir Horst also in die Lage, mit seinem heutigen Wissen in die Vergangenheit zurückzukehren, was würde passieren ? Man weiß es nicht. Der Flashback gestern Nacht war so etwas wie eine Vorahnung davon, was ihn erwartete. Unzählige Filtermechanismen wirkten in seinem Kopf. Und die Filter waren ausgefallen, praktisch das ganze Universum war durch ihn hindurchgeflossen, man kann nicht mehr sagen ob in einer einzigen Nacht oder in Monaten. Aktives Abgammeln zählte zu Horst ungewöhnlichen Hobbies. Auch mit der Hygiene nahm er es nicht allzu genau. Er hatte etwas erlebt, das Kurt Vonnegut mit Akkulturation umschrieb, sowie Science Fiction gewissermaßen prägend für ihn gewesen war. Heute vormittag war er also vollkommen zweckfrei spazieren gegangen. Inzwischen knabberte es ihn nicht mehr an, wenn er Sirenen oder Glockengeläut hörte. Die frische Luft hatte uns gutgetan, wir hielten sein Immunsystem intakt und sorgten für die richtige Balance. Der Chef hatte uns gut instruiert, wussten wir also mittlerweile, was wir ihm zumuten konnten und was nicht. Gegen den allseits üblichen Erreichbarkeitswahn hatte Horst im Prinzip nichts einzuwenden, wenn es so einfach war, sich ihm zu entziehen.

Stunde um Stunde verbrachte Horst mit Nichtstun. In der Zwischenzeit piesakten wir ihn etwas, so dass sein Gewissen sich meldete und er endlich zur Kenntnis nehmen musste, dass noch Wäsche gewaschen werden wollte. Nein, tiefschürfende Fragen waren es nicht, die ihn bewegten. Er neigte halt lediglich dazu, die Sinnhaftigkeit des Bergwerkes in Frage zu stellen. Gewiss, es war ein unkündbarer Arbeitsplatz und besser als vierundzwanzigsieben in den eigenen vier Wänden, aber das machte es ja nicht erträglicher. Also beschäftigte er seine grauen Zellen mit etwas anderem. Dafür waren Teile von uns ihm durchaus dankbar. Und wie Horst fluchen konnte, wenn ihm ein Missgeschick widerfuhr. Gewöhnlich lag das an seiner eigenen Unzulänglichkeit, gewiss, aber das machte es in der betreffenden Stunde nicht erträglicher. Oh, manchmal schien es gar, wenn er einen triftigen Grund zu fluchen hatte, war er erst in seinem eigentlichen Element, so wie vorhin, als er den TFT schrottete, weil er beim Wäschetonne entfernen nicht daran gedacht hatte, dass der TFT lediglich angelehnt war. Das sahen wir ihm nach, aber nicht alle wären mit seinem Verhalten einverstanden gewesen. Heute nacht würden wir ihm einen wunderschönen Horrortrip bescheren. Ob luzide oder nicht bedarf noch einer finalen Abstimmung. —- So hatten wir also den Samen des Zweifels in Horst’ Bewusstsein eingepflanzt. Er zweifelte nicht direkt an seiner geistigen Gesundheit, nein, das nun gerade nicht. Aber sonst gab es nur wenig, an dem er nicht zweifelte. Horst hatte die alte Windmühle besucht. Sie schien ihm Zeugnis aus einer vergangenen Zeit zu sein, irgendwo zwischen dem dreizehnten und sechzehnten Jahrhundert. Manchmal trafen sich Paare dort, um zu heiraten. An diesem Tag kam sie ihm wie ein Raumschiff vor, die Flügel drehten sich und es rumorte in ihrem Inneren. Leise, mahlende Geräusche drangen an sein Ohr. Eines Tages würde er es wagen und sie betreten, aber heute, nein heute war nicht der richtige Tag dafür. Er machte sich auf den Nach-Hause-Weg.

Zu Hause angekommen setzte er sich vor seinen Schreibtisch und erledigte die liegengebliebene Steuererklärung für das vergangene Jahr. Es folgte eine halbe Stunde Müßiggang bei Kaffee, bevor der Postroboter ihn aus seinen Gedanken riss. Der neue TFT war angekommen. Er verkabelte alles ordnungsgemäß und fuhr das System hoch. Kommilitonen hatte er nicht, er war eine Art Einzelkämpfer und experimentierte mit künstlichen Intelligenzen herum. Wir hatten ihn ordentlich durcheinandergebracht mit unseren Ideen, so dauerte es seine Zeit, bis er die neuesten Erkenntnisse implementiert hatte. Den Rest des Tages ließ Horst ungenutzt verstreichen. Lediglich die Logfiles kontrollierte er noch.

view raw Horst.md hosted with ❤ by GitHub

5110 (same procedure as every)

Herbst

die blätter fallen
die wolken ziehn vorüber
schatten der erinnerung huschen
übers gesicht, wie ein lächeln,
wie in den schlaf gestreichelt zu werden
oder jemand zu halten und gehalten werden
der kreislauf beginnt sich zu schließen
aber ganz vollendet wird es nie sein
das große spiel bildet sich ab
und spiegelt sich im kleinen wieder
ein spaziergang in der unendlichen weite des landes
die natur und die weisheit der zeit
lindern manche fast vergessenen schmerzen der seele
die wolken ziehen vorüber
und während die blätter
in die einsamkeit zu zweit schweben
fragt man sich

wie wird es werden ?