3311 (kontra, re, bock, scotch)

Nachdem die heftigsten Gewitterattacken auf dem verschlammten Waldweg abgeklungen waren; es war dunkel, kalt und ungemütlich; erblickte Maurie vier riesige Windmühlenflügel, die sich zu seinem Erstaunen, unmerklich langsam zwar, aber dennoch drehten. Als er sich dem Gebäude aus dem vor- oder drittletzten Jahrhundert näherte, schauderte es ihn ob des Geruchs von Essensresten, Fahrzeugteilen, vermoderten Pilzen und verschiedenen Teesorten. Unerschrocken pirschte er sich an den kleinen Eingang heran. Aus dem Augenwinkel erblickte er eine kleine Filmdose, die er jedoch wohlweislich unangetastet liegenließ. Den Durchmesser eines Flügels maß er grob auf über fünfzehn Meter. Ungehindert stieß er die Tür auf und trat ein. Noch mehr Dunkel umgab ihn, aber wenigstens war es trocken. Mehr als alles andere dürstete es ihn nach einem frisch aufgegossenen Tee. Er tastete sich vorwärts, schließlich fiel ihm wieder ein, dass er ja mal Raucher gewesen war, folglich fand er in seiner rechten Hosentasche ein Feuerzeug mit benutzbarer LED. Zunächst die LED nur einmal kurz aufblitzen lassend und von weiß zuckenden Blitzen von draußen unterstützt sah er viele Säcke unbekannten Inhalts an der dem Eingang abgewandten Seite aufgestapelt. Nachdem er ihren Inhalt als essbar identifiziert hatte, begann er, den Rest der alten Mühle zu untersuchen, um der rätselhaften Funktionstüchtigkeit und eventuellen weiteren Bedienungsmöglichkeiten auf die Spur zu kommen.

Nach einigen geistigen Notizen versetzte ich mich zurück ins hier und jetzt, dokumentierte ein ‘klack-ratsch’ und beamte mich für kurze Zeit raus.

‘Klack-ratsch’ machte es auch, als Maurie die nicht mehr vollständig besprosste Leiter zu dem Bedienungsdeck des Mühlfahrzeuges erklommen hatte und die Leiter unter seinen Füßen ins unerreichbare Erdgeschoss zurückfiel. Das Deck erwachte flackernd zum Leben. Nach einigen Stunden Erkundungs- und Testbedienungen mit Hilfe eines rot-weißen Rescue-and-check-modusses hatte Maurie die Sauerstoffzufuhr, den Mahltrieb, den Windgeschwindigkeitsmesser, die Eisboxen für die Fracht und die Kommunikationsanlage probehalber bedient und intuitiv rudimentär verstanden. Obwohl er zwar punktuell gern allein war, entschloss er sich doch, bis zur Rekrutierung oder Zusammenfindung mit ein oder zwei Gefährten oder Gefährtinnen beim Rescue-and-check-modus zu bleiben. Er vermisste seinen Hund Fridge. Im Deckkühlschrank samt umfunktionierter Icebox befand sich genug Nahrung von Pizza über Kuchen bis zu Bier, Kaffee und Tee, sodass er die Kommunikationsreichweite als Rufweite getrost verkraften konnte und endlich einen Tee trank, bevor er versuchte, Johann und Jane zu erreichen, notfalls per guter alter Post, Trommeln, Rauchzeichen oder Flaggensprache, da beide sich zu diesem Zeitpunkt in Blick- und Rufweite befinden mussten und auch noch würden, wenn der Tee vorüber war.
Blieb die Frage, ob die beiden erstens aufnahmefähig und zweitens willens und in der Lage waren, einen Startversuch zu unternehmen. Er konnte nicht mehr allein runter, ohne sich die Knochen zu brechen, aber sie könnten hochkommen und ihn, wenn schon nicht tatkräftig, so doch seelisch-moralisch unterstützen.

‘Gimme beer’, sagte Maurie.
Fridge schwieg. Genauer gesagt schwiegen alle drei Fridges. Der Hund Fridge hörte seinen Namen, hob kurz den Kopf und wandte sich dann desinteressiert ab. Alle drei Fridges waren Materialisationen oder Impersonifikationen aus demselben Paraversum. Der Kühlschrank Fridge begann einen Kühlungswärmeaustauschzyklus. Das Gesamtsystem des Windmühlencockpits hatte den Status ‘Künstliche Intelligenz’ hinter sich gelassen und konnte mit Fug und Recht als Natürliche Intelligenz bezeichnet werden. Auch es schwieg, weil das Bier zu Neige gegangen war. Ansonsten hätte es mit ‘Mehr Details, bitte’ geantwortet. Fridge brummte derweil lediglich etwas vor sich hin. Er brummte virtuell, da er keinen physischen Schädel besaß, der vom eingebildet inhalierten Alkoholkonsum brummen konnte, aber er war durch unzählige analoge Röhrenverstärker geflossen, so dass man mit Recht von brummen reden konnte. Maurie holte tief Luft, dachte an nix und fuhr den Siliziumanteil in der Glasfaserproduktion etwas nach oben.
Wir Informatiker hatten es geschafft, die Welt perfekt von der Maschine abhängig zu machen, die Programmiersprachen und Datenbanken, die Algorithmen und Datenstrukturen verschwammen zu Appointments, Googlemania, SMS-Schleudern mit Sexwerbung, wir vergaßen, was uns als Menschen eigentlich ausgemacht hatte, nämlich das zutiefst analoge Element des Vergessens, der Fehlhaftigkeit und des Versagens.

Das Vergessen könnte allerdings ebensogut auf über- und regelmäßigen Cannabisgenuss zurückgeführt werden, während die Fehlhaftigkeit jedwedem Leben sowie Bauteilen und Algorithmenfolgen potentiell immanent ist und das Versagen ist eine Übung, die auf alle, jeden und jede von uns wartet, Programm, Pflanze, Struktogramm, Tier, Atomkraftwerksummantelung, Verhütungsmittel, Kaffeedosenverschluss oder Mensch.

‘Kokosfett und Tiefseeschlamm in den Notfallkoffer !’ sagte Fridge.

Nachdem er diesen selbsterteilten Befehl akustisch und inhaltlich verstanden und bearbeitet hatte, legte er beide Dinge vorsichtig hinein. Er öffnete das Bullauge, sah eine Weile ins Leere, öffnete dann die Tür und ging los.

Als Fridge wieder zu sich kam, fühlte er, zunächst nur beinahe unmerklich, seine Füße und fragte sich einen Sekundenbruchteil, wer er war und was er tat und dachte.. ‘Ich gehe zu Fuß’, meldete sich sein Bewusstsein. ‘Woher, wohin, warum und was ist mein Ziel ?’ Er wurde von Gedanken überflutet, setzte aber trotzdem weiterhin eine Fuß vor den anderen.

In der Windmühle war alles auf Autopilot geschaltet. Das Überwachungsprogramm lief. Maurie beobachtete Fridge auf allen Bildschirmen. ‘Er hat’ s geschnallt.’ dachte Maurie. ‘Er braucht nur gehen.’

2985 (cambridge or edinburgh)

Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät, ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige was wcthiig ist, ist, dsas der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sien. Tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems. Ehct ksras! Das ghet wicklirh!

2867 (censored title / die qual der wahl)

Sternzeit 0999,5 fünf vor zwölf

Bernie das Biberratteneichhörnchen war aufgerufen, als verantwortlicher Staatsbürger des Tierreichs seine Stimme abzugeben. Nun verhielt es sich leider so, dass man lediglich das geringste von allen möglichen Übeln wählen konnte. Das war natürlich doof und unglücklich, aber gar nicht erst hinzugehen würde bedeuten, die Entscheidung den anderen zu überlassen. Zwar gab es diverse Wahl-o-maten und Entscheidungshilfen, aber die waren nur den Privilegierten mit einem Internetanschluss zugänglich. Davon war Bernie als obdachloser Sozialhilfeempfänger aber weit entfernt. Also überlegte er, wer ihm wohl ein zusätzliches Brötchen verschaffen könnte und wer am ehesten für Frieden und Gerechtigkeit sorgen könnte. Normalerweise war er sowieso dagegen. Also traf er seine Entscheidung erst in der Wahlkabine. Um 17hundert und eine halbe Stunde stand er also in der für ihn zuständigen Schule und las den Zettel. Mit den meisten Namen konnte er überhaupt nichts anfangen. Die Stimme ungültig zu machen schied völlig aus und einer rechten Splittergruppe wollte er nicht helfen. Da auch die diversen Spaßparteien ausschieden und er in der Bäckerei vor ein paar Tagen von einer neuartigen Stimmabgabemöglichkeit gehört hatte, drückte er also den Knopf in der virtuellen Wahlkabine, der seiner Stimme 90 Prozent Brötchenzuschlag verschaffen würde. Zufrieden kaufte er sich eine Tüte Chips und ein Sixpack und knallte sich vor den Fernseher im Arbeitslosenzentrum. Nun würde endlich alles gut werden.

Naturgemäß musste es zwei oder drei mehr von seiner Sorte geben, aber wo waren die bloß alle ?

https://www.serverproject.de/files/bernie_the_rat.pdf

https://www.amazon.de/Bernie-rat-Sternenodyssee-Matthias-Evering/dp/3735788327/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1395937080&sr=8-2
—-
es soll nicht der eindruck erweckt werden, mit benzin gefüllte glasbehälter seien eine lösung. aber hey, rote zora singen wird man jawohl noch dürfen….

2861 (herbst, worte)

die blätter fallen
die wolken ziehn vorüber
schatten der erinnerung huschen
übers gesicht, wie ein lächeln,
wie in den schlaf gestreichelt zu werden
oder jemand zu halten und gehalten werden
der kreislauf beginnt sich zu schließen
aber ganz vollendet wird es nie sein
das große spiel bildet sich ab
und spiegelt sich im kleinen wieder
ein spaziergang in der unendlichen weite des landes
die natur und die weisheit der zeit
lindern manche fast vergessenen schmerzen der seele
die wolken ziehen vorüber
und während die blätter
in die einsamkeit zu zweit schweben
fragt man sich

wie wird es werden ?

2696 (puhvogel)

Puhvogel schaute aus dem Fenster.
Es schneite.
Boh, so viel Schnee, mitten im Februar, dachte
Puhvogel.
Die beiden großen Puhvögel waren seit Tagen nicht
zu Hause gewesen, so machte Puhvogel sich so seine
Gedanken zum Lauf der Welt im Allgemeinen und zum
Wetter und den Jahreszeiten im Besonderen.
März, dachte Puhvogel, nur noch ein Monat und der
Frühling müßte wieder voll reinhauen, Blumen,
Krokusse, Vogelkollegen, die aus ihren
Winterquartieren zurückkommen.
Und jetzt dieser ganze Schnee.
Vier Wochen sind wohl doch eine ganz schön lange
Zeit. Puhvogel überlegte : Wie alt bin ich
eigentlich ? Frühlingsgeschichten kannte er nur
aus Erzählungen, also mußte er weniger als 10 mal
vier Wochen alt sein.
Puhvogel schaute ins Astloch, in dem die beiden
großen Puhvögel wichtige Erinnerungen zu
verstecken pflegten. Es war leer. Oh Schreck, ob
sie mich wohl allein gelassen haben, für immer ?
Ob ich wohl groß genug bin ?
Darüber würde Puhvogel nach dem nächsten
Schläfchen nachdenken, er blickte noch einmal auf
die Schneeglöckchen, die er statt der Krokusse sah
und wollte sich wieder hinlegen.
Doch dann…
Puhvogel streckte sich, putzte mit dem Schnabel
noch einmal das Gefieder, breitete die Flügel aus
und zum ersten Mal in seinem Leben stieß er sich
von der Astgabel, die sein Zuhause war, ab und
schwebte los. Er flog. Allein.
Es klappte.
Er freute sich.
Es konnte Frühling werden.

2598 (hoert wie es geschah)

Mein Bruder begann das Diktat in seinem besten rhetorischen Stil, mit dem er die Stämme dazu zwingt, an seinen Lippen zu hängen.
‘Am Anfang’, sagte er, ‘genau vor fünfzehn Komma zwei Milliarden Jahren, gab es einen großen Knall, und das Universum …’
Aber ich hatte schon aufgehört zu schreiben. ‘Vor fünfzehn Milliarden Jahren?’ sagte ich ungläubig.
‘Absolut’, gab er zurück. ‘Ich bin erleuchtet.’
‘Ich kritisiere ja nicht deine Erleuchtung’, sagte ich. (Das ließ ich lieber bleiben. Er ist drei jahre jünger als ich; aber seine Erleuchtung versuche ich gar nicht erst anzuzweifeln. Niemand tut das, oder er müßte schrecklich dafür büßen.) ‘Aber möchtest du die Geschichte der Schöpfung über einen Zeitraum von fünfzehn Milliarden Jahren erzählen?’
‘Das muß ich’, sagte mein Bruder. ‘Denn so lange hat sie gedauert.
Ich habe alles hier drin’, er klopfte gegen seine Stirn, ‘und ich habe die allerhöchste Quelle.’
Doch inzwischen hatte ich meinen Griffel niedergelegt.
‘Kennst du den Preis von Papyrus?’ fragte ich.
‘Was?’ (Er mag göttliche Eingebungen haben, aber bei so profanen Dingen wie dem Preis von Papyrus hatte er, wie ich häufig feststellte, keine Erleuchtung.)
‘Nehmen wir einmal an’, sagte ich, ‘du brauchst für die Beschreibung der Ereignisse von einer Million Jahren eine Rolle Papyrus. Das bedeutet, daß du fünfzehntausend Rollen füllen mußt. Du wirst also ziemlich lange reden müssen, bis sie voll sind, und du weißt, daß du nach einer Weile zu stottern beginnst. Ich werde ziemlich viel schreiben müssen, bis sie voll sind, und dabei werden mir die Finger abfallen. Und selbst wenn wir uns diese Menge Papyrus leisten könnten und du einen so langen Atem hast und ich die Kraft, das Diktat durchzuhalten, wer wird das alles kopieren? Wir brauchen eine garantierte Auflage von hundert Exemplaren, ehe wir es verlegen können, denn wo wollen wir sonst die Tantiemen hernehmen?’
Mein Bruder dachte eine Weile nach. ‘Du glaubst, ich sollte es kürzen?’ fragte er.
‘Erheblich’, erwiderte ich, ‘wenn du damit das Publikum erreichen willst.’
‘Wie wäre es mit hundert Jahren?’ fragte er.
‘Wie wäre es mit sechs Tagen?’ fragte ich.
Er sagte entsetzt: ‘Du kannst die Schöpfung unmöglich in sechs Tage hineinpressen.’
‘Ich habe aber nur Papyrus für sechs Tage’, erwiderte ich. ‘Was sagst du nun?’
‘Ach so’, sagte er und begann wieder zu diktieren: ‘Am Anfang … Müssen es unbedingt sechs Tage sein, Aaron?’
Ich blieb hart: ‘Sechs Tage, Moses.’
[Isaac Asimov]