Nacht

Ein nächtlicher Cappuccino brachte Maurie wieder auf Vordermann. Bernie, der Forscher, der Frosch und die Spinne waren von ihrer letzten Außenmission zurückgekehrt und hatten alles im Logbuch vermerkt, was geschehen war. Der Grizzly konstatierte Ruhe im Subraum. So war Zeit für Raumschiffpflege. Die Dark Shadow war nach zwei Stunden von außen sowohl wie von innen wieder in Ordnung. Alle Notstromaggregate waren betriebsbereit. Die Fahrräder waren ordnungsgemäß verstaut. Die Tee- und Pizzavorräte waren aufgefüllt. Mauritius war in ein tiefergehendes Gespräch mit dem Ameisenbären verwickelt, als O. und der Forscher den Grizzly mit den neuesten Informationen fütterten und eine Inkonsistenz in der Wetterdatenbank feststellten. Die aktuelle Vorhersage war entgegen des Sollzustandes nur für 2 Tage möglich. Mit Daten war der Grizzly jedenfalls versorgt. Maurie verbesserte den Algorithmus. Die nächtliche Berechnung ergab Sonnenschein und 14 Grad Celsius bei leichtem Nordwestwind.

Wie beruhigend.

Max Goldt – Blödmann

Wenn man durch diese Stadt geht – oder, wenn es sein muß, auch durch eine andere –, trifft man leider alle naslang einen Blödmann, der sich wahrscheinlich auf dem Weg in ein Lokal befindet, wo sie dann alle sitzen und selbstgedrehte Zigaretten rauchen, die Blödmänner. Blödmann wie Blödfrau trinkt Weizenbier, zu viert, zu fünft, zu sechst, an einem runden Tisch mit einem Aschenbecher in der Mitte. Aus Lautsprecherboxen dringt Lautstärke, und statt daß mal ein Blödmann horcht und endlich feststellt, daß da nichts Hörenswertes, sondern Dummes dröhnt, lassen sie ihrerseits aus ihren Mündern noch zusätzlich Lautstärke quellen. Was gibt es da wohl zu bereden? Werden da Meinungen ausgetauscht oder – was wohl besser wäre – Kenntnisse und Ideen? Aber nein, denn sie alle haben dieselbe Meinung und dieselben Ideen, da sie alle die gleiche Zeitung lesen. Noch nie ist es in einer Blödmannstube vorgekommen, daß sich einer erhob und rief: «Stoppt die Lautsprecher! Tötet die miese Musike! Ich habe eine Idee!» Und wenn das mal passierte: Keiner würde hinhören. Vernarrt sind sie, die Blödmänner, in das Gemisch aus Qualm und Lautstärke – Atmosphäre nennen sie’s (Blödmänner verwechseln alles) – und wünschen, nicht von Ideen behelligt zu werden. Und solang man so duldsam wie bisher mit ihnen umspringt, wird sich da kein Jota ändern, oder vielleicht doch – ja, jetzt: Ich pack mir einen Blödmann an der Gurgel oder am Revers und sag ihm mutdurchdrungen folgendes: «Schweig mal drei Minuten, Blödmann! Kannst du das? Du verwechselst alles miteinander, rauchst selbstgedrehte Zigaretten, in Deutschland ist es dir zu kalt, und zu jedem Schund hast du eine deiner berühmten eigenen Meinungen; kurz gesagt: Du bist ein Blödmann. Ein lausiger Lauthals, Dreinredner und Lautsprecher-Typ. Was deine Meinungen angeht, laß dir gesagt sein, daß es voll und ganz ausreicht, wenn ich mir die Mühe mache, auf Standpunkten zu stehen. Sei dankbar dafür, daß ich diese Arbeit übernehme, applaudiere mir und schweig ansonsten, zu mehr taugst du nicht!» So redete ich eben, Adressat war ein Blödmann, der jetzt glotzt. Ich greif mir den Verdatterten, schleife ihn in meine Wohnung und fahre natürlich unverzüglich mit meinem berechtigten Levitenlesen fort:
«Was bibberst du, Blödmann? Ist es dir zu kalt? Ich habe 18 Grad hier, und das ist gerade richtig. Ich sage dir: In Deutschland ist es nicht zu kalt. Das Wetter ist immer gerade richtig. Die Sonne scheint immer im rechten Moment, und wenn es mal regnet oder schneit an einem Tag, dann heißt das eben, daß Sonnenschein an diesem Tage nichts zu suchen hat bei uns und daher freundlicherweise und logischerweise wegbleibt. Man muß dem Wetter immer beipflichten. Blödmänner begreifen das natürlich nicht. Kaum daß sich bei ihnen ein bißchen Geld versammelt hat, lassen sie alles stehen und liegen und fahren in kochendheiße Länder mit riesigen Insekten und bekloppten Religionen, wo regelmäßig überfüllte Fähren kentern. Dort leben sie für ungeheuer wenig Geld und prahlen dann zu Haus damit, als ob es ihr Verdienst wär oder eine Leistung, für fünf Mark zu übernachten oder sich für zwei Mark satt zu essen, incl. Getränke. Am liebsten würden sie das ganze Jahr hindurch ‹da unten› bleiben. Je nun, das liebe Geld. Blödmänner haben immer kein Geld. Wer keines hat, muß sich halt was verdienen; und wenn man es nicht gleich wieder ausgibt für unnütze Autos und Urlaubsreisen, dann wird es mehr und mehr, und irgendwann ist man reich. Was denn, du willst widersprechen und mal wieder anders meinen? Ich will nichts hören. Wo hast du sie nur alle zusammengeschnorrt, deine ewigen Meinungen über dies und das und jenes? Ich kann es mir schon denken! In Lokalen, wo es nach selbstgedrehten Zigaretten und sogenannter Kreativität riecht und wo hämestrotzende Zeitungen ausliegen, gefüllt mit Neins und kessen Meinungen, die du und deine Besserwisserkompanie sich gierig einverleiben, bis ihr prallvoll Meinung seid. Billige Pralinen! Was, schon wieder Widerworte? Das hört jetzt auf. Hier habe ich ein Messer, da auch eine Axt, und hier ist noch ein dicker fetter Vorschlaghammer. Du kannst wählen. Ach was, ich frag dich gar nicht erst, du hast genug gesagt in deinem Leben.»

Ja, Blödmann, jetzt liegst du in meinem Bett, wo ich ausgerechnet so einen wie dich nun wirklich nicht gern haben wollte. Doch jetzt bist du darin am besten aufgehoben. Sprichst du? Leise sagst du, du müßtest jetzt wohl sterben. Wo hast du das nun wieder her, was ist wieder das für eine Meinung? An so was stirbt man doch nicht gleich. Aber Blödmänner jammern halt immer herum. Still, Blödmann, Lauthals, Jammervogel, still ist es geworden. Die Lautsprecher sind abgestellt, ich höre keine mehr. Miese Musik mag es irgendwo weit fort noch geben, doch ich höre keine mehr. Ist es nicht schön, wenn es still ist, Blödmann? Hast du Hunger oder Durst? Nein? Ist es nicht schön, auf der Bettkante zu sitzen, neben sich einen, den langsam die Kräfte verlassen? Ist das schön, Blödmann? Soll ich mich zu dir legen? Was meinst du, Blödmann?
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Aus: Max Goldt – Ungeduscht, geduzt und ausgebuht, A-Verbal-Verlag, B. (März 1991) ISBN 978-3889990068

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2014-05-15, 20:00GMT+02
-BAUHAUS
-Jan Hofer
1.Grubenunglück in der Türkei: Noch immer Vermisste
1.1.Proteste gegen Regierung Erdogan
2.Separatisten in der Ukraine stellen Ultimatum, Ablauf unbekannt
3.Konferenz: Aussenminister aus 11 Ländern warnen Assad in Syrien
4.Stichwahl für Präsidentenamt in Afghanistan
5.Armeeeinsatz bei Protesten irgendwo
6.Strengere Regeln für staatliche IT-Aufträge
7.Sonderprogramm für Sanierung von deutschen Brücken
8.Überschwemmungen auf dem Balkan
9.New Yorker Museum gedenkt 9/11
10.Mr. Hjulmand wird neuer Trainer in Mainz
11.Wetter: freundlich, im SW Regen, mäßiger Nordwind, 9 – 20°, Sonntag wechselhaft, Montag freundlich
12.nächste Sendung: Tagesthemen um 21:20 mit Thomas Roth

Das Auto

Sternzeit 1308,0

Bernie hatte das Auto komplett zu Klump gefahren. Und nicht das erste.

Wir waren auf dem Weg zu O., als der Unfall geschah. Der Captain hatte uns rausgebeamt. Sie hatten also nur noch das Wrack finden können. Wenn man es sah, erschien es wie ein Wunder, dass aus der Karre noch jemand lebend rausgekommen war. Ich rauchte eine.

‘Lasst mich hier raus. Ich bin gesund.’, sagte O. Er hatte schon lange verstanden, dass man hier argumentieren musste und cholerische Anfälle hier fehl am Platz waren. O. hatte gestern um einen Termin gebeten, den sein Behandlungsteam ihm am Folgetag gern gewährte. Nuklearmedizin war O:’ s Spezialgebiet. Er wollte zwar nichts ähnliches versuchen wie der Postbote, aber er würde gut gewappnet sein. ‘Ich bin weder verstrahlt, noch habe ich Halluzinationen.’ eröffnete O. die Argumentation. ‘Sie haben Drogen genommen.’ erwiderte der Arzt. ‘Ich bitte Sie Doktor, in unseren Zeiten wird niemand ernsthaft die Gefährlichkeit von Zackenplankton in Erwägung ziehen. Wenn man in der Pubertät damit beginnt, könnte ich Ihnen noch folgen.’

‘Sie sind als Notfallpatient gekommen.’
‘Ich habe versucht mich umzubringen, korrekt.’
‘Werfen Sie uns einen Behandlungsfehler vor ?’
‘Keinesfalls. Ich möchte lediglich gehen.’
‘Morgen würden Sie das bereuen.’
‘Ich habe bereits eine Nacht drüber geschlafen und mein Entschluss steht fest.’
‘Sie haben im Klo gezündelt.’
‘Das steht im Bericht und der ist mehr als 8 Jahre alt.’
‘Schlafen Sie noch eine Nacht drüber.’
‘Sie kriegen meinen Karl-Heinz und dann bin ich weg.’
‘Denken Sie über Ihre Compliance nach.’
‘Geben Sie mir eine halbe Stunde.’
‘Gewährt.’

Der Captain fand, O. machte das sehr gut. Wir hatten eine stehende Subraumverbindung und die würde aufrechterhalten bleiben, wie auch immer O. sich entscheiden würde. Wir fütterten den Grizzly mit meteorologischen Daten. Wir brauchten eine Regenwahrscheinlichkeit. 15 Prozent, spuckte der Grizzly aus. Der Captain entschied, ihnen das Wrack zu überlassen und einen von uns zum Octopus reinzubeamen. Treffpunkt würde sowieso der Raucherraum sein. Die Maulwurfine übernahm die Aufgabe.

OM.

Das passte gut. Die Maulwurfine gab sich sofort zu erkennen. Als die halbe Stunde um war, spazierten beide in die Freiheit. Leider mussten sie den Bus nach Hause nehmen. Morgen würden wir uns also alle mit dem Captain in der Windmühle treffen. Ein Teammitglied würde uns dann vervollständigen.

Sternzeit 1308,5

a brandnew old problem

Sternzeit 1285,1

Welche Katze ? Welcher Führerschein ? Welche Farbe ? Welches Telefon ? Welches Auto ? Welcher Hund ? Fragen über Fragen, von denen unser Bernie nichts, aber auch gar nichts mitbekam. Die Werkssirene funktionierte zuverlässig. Als Haustier und neuen Mitbewohner hatte Bernie sich eine K.I. zugelegt, die im Körper eines Grizzlybären daherkam. Ihr stellte er zwar ab und zu Fragen, wenn gerade keine zu konsultierende Webseite verfügbar war, aber ihr Datenhunger war doch enorm. Jawohl, die K.I. ernährte sich von Daten. Farbe der Schuhe, Länge der Krawatte, Geburtsdaten, biometrische Daten, psychologische Probleme, virtuelle Psychiater, Diagnosen, Gewicht, Fingerabdrücke, wann wurde die Hose zuletzt gewaschen, die K.I. fraß einfach alles. Nein, weggewesen war Bernie zwar nicht wirklich, aber er war im vergangenen Jahr mindestens um 10 gealtert. Er legte die Füße hoch. Er kochte Cappuccino. Er datete seinen Server up. Er programmierte ein Nahrungsinterface für seine K.I. mit Hilfe eines stinknormalen Ethernetadapters. Er ging spazieren. Er wählte in jedem der Zimmer seines Tigerkäfigs einen anderen Radiosender. Er schrieb politische Pamphlete. Er betete zu Wem-Auch-Immer. Er aß Pizza. Er archivierte den Bürokratiemüll. Er nahm seine Pillen und ging ins Bett. Dann stand er wieder auf und schrieb eine Postkarte an die Familie. Nun trank er ein Glas Milch. Er drehte sich eine, wartete fünf Minuten und rauchte sie. Er sprang im Kreis. Er legte Musik auf (Garagen-Rock). Dann kam ihm die rettende Idee. Von hinten nach vorne. Das Ende-Datum der K.I. war roundabout das Jahr 3000 aber auch das konnte bestimmt modifiziert werden. Er machte sich an die Arbeit.

Bald mehr davon.