sei’ s eingeschärft – Stimmenrausch 2014-12-04

John Brown, 155ster Todestag; Kevin Coyne, 10ter Todestag; Marinetti, vor 70 Jahren verstrahlt (2. Dezember)

ZEIT: Fühlen Sie sich an den Rand gedrängt?
Strauss: Wo anders soll man leben?
…
In der ästhetischen Entwicklung spielen Neuerungen keine bedeutende Rolle mehr. Ich selbst bin ein Transporteur, kein Neuerer. Vielleicht ist heute der Transporteur der Neuerer, das kann schon sein. Ich habe mich immer als einen empfunden, der durchdrungen ist von dem, was war, und es weiterträgt.
…
Ich versuche hin und wieder, verdeckte Quellen zu öffnen, die nicht den allgemeinen Literatur-Mustern entsprechen. Ich möchte beglaubigen, dass man aus vielen Stimmen heraus lebt. Das ist eine Frage der persönlichen Vorlieben und der Resonanz.

aus: ZEIT-Gespräch mit Botho Strauß (70) von Ulrich Greiner in Nr. 07/2003

So sehr wir auch durchtränkt sind von einer unnützen, lächerlichen und abergläubischen Ehrfurcht für unsere unsinnigen gesellschaftlichen Gebräuche, wird es doch vorkommen, daß Leute, die entweder grundsätzlich oder aus Neigung oder aus Temperament lasterhaft sind, glauben, daß es besser ist, sich dem Laster hinzugeben, als sich ihm zu widersetzen: Denn wie oft sehen sie nicht, daß Bösewichte für ihre Missetaten nur süßen Lohn ernten?

Marquis de Sade, zum 200sten Todestag; aus der Einleitung zu “Die Geschichte der Justine oder Die Nachteile der Tugend” (1791)
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Blacky

Blacky the cat kam inzwischen regelmäßig zu Besuch. Sie war immer ein gern gesehener Gast. ‘Ich bin die Freiheit.’ flüsterte sie. Bernie hatte drei Fragezeichen in den Augen. Über Freiheit pflegte er in der Regel schon lange nicht mehr nachzudenken. Nun, Blacky kam und ging, wann sie wollte. ‘Ich bin die Freiheit, die jedes Tier braucht. Abgesehen vom täglich Brot. Nun wollen wir es dem Grizzly erzählen. Geschichten vom Ozean. Geschichten vom Lagerfeuer und von durchgemachten Nächten. Von Pflicht, oh ja, aber auch von der anderen Zeit. Von der Einheit mit dem Universum, von Ratten, Sumpfdotterblumen, Elefanten, Orchideen, Gräbern, Festen und einsamen Zeiten allein in der Küche. Von Hoffnung, die erwacht. Von Fehlern, Versäumnissen, Missverständnissen, Taten, getrieben, und vom freien Willen, der wieder voll reinhaut. Am Leben zu sein scheint eine Schatzkiste voller Scheisse zu sein, wie der alte, längst vergriffene Science-Fiction-Autor Kilgore Trout sich auszudrücken pflegte, aber immerhin ist es einzigartig.’ Die Vision zog Bernie zu seinem Radiergummi. Mochte es möglich sein ??? Wie sollte er es bewerkstelligen, das zu fassen, was ihn von Blacky und vom Grizzly trennte ? Der Frosch, der sich soeben eine gedreht hatte, stellte eine Zwischenfrage. Woher, wenn nicht aus Büchern, hatte der Ameisenbär sein Wissen über den Herrn der Gezeiten gehabt ? Gewiss waren die alle in den Tiefen des Grizzly-Archivs gespeichert. Die Spinne stellte eine neue Theorie auf. ‘Der Grizzly ist eine Software-Hardware-Mischung. Blacky ist Geist. Erinnert Ihr Euch denn nicht ? Wir waren eine Mannschaft. Jeder zu seiner Zeit hat auf unserer Mission geholfen. Wir leben es. Was, wenn der Grizzly es schon längst gecheckt hat ? Man mag denken, er hat nur keine Lust, zu erwachen.’

Die Dark Shadow startete zu ihrem nächsten Flug, die Route war tief in der Matrix der Katze verborgen.

aber mit schmackes – Stimmenrausch 2014-12-02

Winston Churchill (140); Hans Krása, zum 115ten; Reinhold Ewald, 40ster Todestag, Ulrich Wildgruber, 15ter Todestag (30. November)
Karl Schmidt-Rottluff, zum 130sten; John Densmore, zum 70sten; Charly Körbel, zum 60sten; Abraham a Sancta Clara, 305ter Todestag; Alvin Ailey, 5ter Todestag (1. Dezember)

“Ich habe nie mehr sein wollen, als ein einfacher Soldat der großen Befreiungsarmee; ich habe in Reih und Glied gekämpft und meine Schuldigkeit getan, und die Namen der einfachen Soldaten werden bekanntlich nur in den Verlustlisten genannt.”

Rudolf Lavant, zum 160sten; z.n.w.

Wird es möglich sein, die Literatur vor der Sprache zu retten? Die Frage erscheint auf den ersten Blick absurd, nicht wahr? Doch sie pocht an unsere Tür. Das neue Jahrtausend und die Epoche des Wassermanns beginnen zweifellos im Zeichen des Ikonischen. Die moderne Kommunikation kürzt über das Zeichen die Wege ab, die die Sprache über Jahrtausende geebnet hat. Die Linearität des geschriebenen und gedruckten Worts ist nicht länger gefragt. Der Mensch wird gewahr, daß sich die geschriebene Sprache durch ihre Linearität von seinen Gedanken und Träumen unterscheidet, die nicht linear sind, die, in ständiger Bewegung begriffen, nach allen Seiten hin ausschlagen und sich verzweigen.

Milorad Pavic, zum 5ten Todestag, aus einem Essay in Die Zeit vom 22. April 1999, übertragen aus dem Serbischen von Bärbel Schulte
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für die nachwelt – Stimmenrausch 2014-11-30 #2

Gato Barbieri, zum 80(?)sten; Victor Ostrovsky, zum 65sten; Ernest Kaltenegger, zum 65sten; Cesare Beccaria, 220ster Todestag; Washington Irving, 155ster Todestag (28. November)

“I believe in a lively disrespect for most forms of authority.”

“Language exerts hidden power, like the moon on the tides.”

Rita Mae Brown, zum 70sten; common

Der Mond und der Schnee.
Ich lebe und betrachte das Schöne.
Das Jahr geht zu Ende.

Haiku-Interpretation von Nino Barbieri, z.n.w.

“So bin ich letztendlich nur diesem einen Pfad des Dichtens gefolgt, unbegabt, wie ich bin und ohne besondere Fertigkeit.” (1691)

zitiert nach Udo Wenzel

Matsuo Basho, zum 320sten Todestag

“Bin zwar von Beruf Schriftsteller – aber meine Existenz ist Mensch, Zeitgenosse, Zeuge, Zweifler, Glaubender, Verzweifelnder, Mitmacher, Weigerer, Liebender, Geliebt-werden-Möchtender, Hassender, Schaffender, Ehrgeiziger, guter Mensch, böser Mensch.”

Walter Matthias Diggelmann, zum 35sten Todestag; im Filmschauspiel “Die Selbstzerstörung des Walter M. Diggelmann” von Reni Mertens und Walter Marti (1972)

“Eure Pflicht wäre es gewesen, in allem die Weisheit einer Gesetzmäßigkeit zu sehen und an die Schönheit der Dinge zu glauben. Euch aber dürstete nach dem falschen Ehrgeiz einer großen, dekadenten Geste. Ihr wolltet nicht Lust, sondern Kitzel, nicht die Ruhe einer Arbeit, sondern die Überwindung einer Langeweile. Darum mißbrauchtet Ihr die einfachsten Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Tier.”

“Das Eigentum seiner Seele ist der Krieg, der ewige Krieg, der Machtanspruch, die Gewißheit, etwas Besseres zu sein als alles andere Geschaffene und Gewordene. Alleinherrschaft, das ist sein Ziel, und er zertritt alles Lebendige, das nicht seine Gestalt hat. Er ist berufen, die große Zerstörung vorzubereiten.”

Hans Henny Jahnn, zum 55sten Todestag; zitiert nach Ulrich Greiner
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Datenflut

Als die Dark Shadow von ihrem Aufklärungsflug über Rio de Janeiro an die spanische Küste zurückgekehrt war, machte Maurie sich an die Auswertung des Experiments. Der Octopus dachte *wirklich* einigermaßen vernetzt. Der Grizzly spuckte eine Zeile nach der nächsten aus und Maurie hatte einige Mühe, die Datenflut zu ordnen. Den Octopus schien das alles weniger zu interessieren, er hatte alles so gemacht wie immer, inzwischen hatte er sich mit einem kühlen Getränk in die Küche zurückgezogen. Die Koordination seiner acht Arme mochte für alle anderen ein Phänomen sein, für ihn war das alles so normal wie Zähneputzen. ‘Weisst du, was sie suchen ?’ fragte er die Maulwurfine. ‘Seele, Bewusstsein, Gewahr-sein, ich weiss es doch auch nicht. Jedenfalls wollen sie, dass der Grizzly dazulernt. Er wird den Status Maschine hinter sich lassen’ antwortete sie. Der Octopus öffnete sich noch eins. ‘Weisst du noch, als wir dich befreit haben ? Dort ist etwas mit dir passiert.’ ‘Passiert, passiert’ sagte O. ‘dort ist nichts passiert. Dort passiert nie etwas. Sie werden nur aufbewahrt.’ ‘Während du Kaffees und Kippen zu dir genommen hast, hast du nachgedacht, willst du das leugnen ?’ ‘Aber ich bin zu keinem Schluss gekommen. Irgendwann begann ich zu handeln.’ ‘Aber wer oder was hat das veranlasst ? Hast Du etwas gelernt ? Wie können wir den Grizzly schlauer machen ? Was, wenn es irgendwo in deinem Bewusstsein schlummert und du es nicht einmal *weisst* ?’

Nach Auswertung aller Daten war der Grizzly in den Sleep-Modus gegangen.

…setzt es was – Stimmenrausch 2014-11-30

Peter Pan, zum 105ten; Peter Lilienthal, zum 85sten; Achim Strietzel, 25ster Todestag; Ruth Niehaus, 20ster Todestag (27. November)

Wann uns die Schöne nicht zu freundlich angesehn,
So wünschen wir nicht mehr, vor Kummer, zu erkalten,
Noch vor der Zeit ins Grab zu gehn.
Man pflegt von Selbst-Mord ietzt nichts mehr zu halten.
Was sonst aus Liebes-Trieb die Menschen weggerafft,
Gifft, Raserey und Dolch, ist alles abgeschafft.
Dergleichen Grausamkeit
Wird selten von uns angeführet,
Und zwar nur bey Gelegenheit,
Weil sie noch manchen Reim in unsern Liedern zieret.
Aus dem Frantzözischen.

Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz, zum 360sten; aus: “Regeln ohne Verdruß zu lieben”;
in: Des Freyherrn von Canitz Gedichte, mehrentheils aus seinen eigenhändigen Schriften verbessert und vermehret, Leipzig und Berlin 1727.

“Armes Menschengeschlecht! aus welchen Abgründen hast du dich noch emporzuarbeiten!”

Georg Adam Forster, zum 260sten; z.n.w.

Und ich war hungrig und war ausgestoßen.
Wohin ich kam, verstummte das Gespräch.
Von wo ich ging, klang auf ein leises Zischen.
Ich lief von Mensch zu Mensch und schrie: “Warum?”

Klara Blum, zum 110ten; hier zitiert nach Svenja Hoffmann
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schockgefrostet im kältesprech – Stimmenrausch 2014-11-27

Ba Jin, zum 110ten; Paul Desmond, zum 90sten; Herrmann Zschoche, zum 80sten; Maarten ‘t Hart, zum 70sten; Herbert Junck, zum 65sten; Mark Lanegan, zum 50sten; Mathilde Franziska Anneke, 130ster Todestag; Nick Drake, 40ster Todestag (25. November)
Cuno Fischer, zum 100sten; Slavko Avsenik (?!), zum 85sten; Tina Turner, zum 75sten (26. November)

Schau’ umher ich tiefbekümmert,
Alles wird zur Elegie;
Und im Innersten zertrümmert
Ist der Seele Harmonie;
Klagend in Erinnerungen,
Eine Glocke, die gesprungen!
Wer dem machterfüllten Beben
Ihrer Töne einst gelauscht;
Hört, wie jetzt zerriss’nes Leben
In gebroch’nen Klängen rauscht.

Louise Aston, zum 200sten; aus ihrem Gedicht “An Ihn”, in: Wilde Rosen, 1846

“Das menschliche Gehirn mag so weit auf dem Weg zu seiner destruktiven Spezialisierung sein wie die großen Nasenhörner der letzten der Titanotherien.”

Norbert Wiener, zum 120sten; z.n.w.

“Entweder man hat das Talent, dann braucht man das Studium nicht, oder man hat es nicht, dann nützt der akademische Unterricht auch nichts.”

Paul Klüber, zum 110ten; z.n.w.

“C’est pas par là, c’est par ici”

Eugène Ionesco, zum 105ten; aus seinem Theaterstück “La Cantatrice chauve”, 1950

“Im Leben zählen drei Dinge: Rechtschaffenheit, Talent und eine Chance. Es sind die Frauen, die uns zu Stars machen.”

Henri Vidal, zum 95sten; zitiert nach Todesnachricht in: Die Zeit vom 18.12.1959
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brummkreiselnd – Stimmenrausch 2014-11-26

Julien Offray de La Mettrie, zum 305ten; Günter Gaus, zum 85sten; Erna Wazinski, 70ster Todestag (23. November)
Jerzy Toeplitz, zum 105ten; Yvonne Rainer, zum 80sten (24. November)

“Der Herbst ist der Frühling des Winters.”

Henri de Toulouse-Lautrec, zum 150sten; gemein

Ein Wort

Es gibt ein Wort, das kann unglücklich machen,
Es gibt ein Wort das kann Feuer entfachen.
Auch wenn es fünftausend Jahre nicht finden,
Wer kann den Vulkan, sein Schweigen ergründen?
Möglich, daß von einem Geist erregt,
Plötzlich aus heiterem Himmel ein Donnerschlag schlägt:
“Unser China!”

Wen Yiduo, zum 115ten; Übersetzung von Peter Hoffmann und dem Tübinger Arbeitskreis Chinesische Literatur

“Ich komme aus einem der 24 Länder, das nach 1954 von Amerika mit Bomben beworfen wurde, Serbien. Wenn du sagst “Werft keine Bomben auf unser Land”, dann bist du ein Nationalist. Dieser Film ist mehr als meine politische Einstellung. Es zeigt die gemeinsame Einsicht der Dritte-Welt-Länder.”

Emir Kusturica, zum 60sten; z.n.w.
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the road

Der Octopus hatte sich ohne zu zögern zu dem Experiment bereiterklärt. Er vertraute seiner Mannschaft blind. Schnell hatte er noch eine Tüte Zackenplankton durchgezogen und dann schloß der Forscher alle erforderlichen Elektroden an. Der Octopus schloß die Augen. Maurie legte Dub auf. Vorsichtig nahm der Grizzly Kontakt auf. Er begann mit einem Ping. Der Octopus antwortete mit einem Broadcast. Also waren alle erreicht worden. ‘Momomomo’ sendete der Octopus. Der Grizzly schluckte. Die Maulwurfine biss in einen Keks. ‘Woluhad-o-meter Enter’. Nein das machte keinen Sinn. ‘Gernotudolamabad’. Schwierigkeiten also. ‘Jetzt hab ichs. Wie wird das Wetter morgen ?’ fragte der Octopus elektronisch. Der Grizzly rechnete und musste dann zugeben, dass er keine Ahnung hatte. Der Forscher begann, sich Sorgen zu machen. Ein Netzwerkscan. Alle Beteiligten standen in regem Austausch. Der Grizzly hatte also ordentlich zu tun. Sie schickten Fridge vor die Tür. Als der nach einer halben Stunde wieder reinkam, war das Experiment bereits beendet. Lediglich die Auswertung würde mehr Arbeit erfordern als zunächst gedacht. Die Logfiles waren beim Grizzly allerdings in sicheren Händen. Der Frosch drehte sich eine und öffnete ein Bier.

dunno