Eine Idee

Sternzeit 0954,7

Am nächsten Morgen hatten sich alle etwas beruhigt. Der Herr der Gezeiten hatte sie sicher auch durch diese Nacht gebracht. Schliesslich war es die Spinne, die eine Idee hatte. ‘Wie wäre es, wenn wir die Kursbestimmung der jeweiligen Nachtwache überlassen ?’. Die Delphine nickten zustimmend. Damit hatte der Ameisenbär schwer zu tun. Er, der Kapitän, sollte die Kursbestimmung abgeben ? Ob er das seiner Mannschaft zutrauen würde ? Nachdem er jedoch kurz die Augen geschlossen und in sich gegangen war, stimmte auch er dem Vorschlag zu. ‘Wir werden es versuchen’, sagte er, ‘aber lassen wir heute die Giraffe nochmal an den Sextanten.’. Im Moment segelten sie 90°. Sie trugen alle schwerwiegende Fragen, den Herrn der Gezeiten betreffend mit sich herum, aber es war ihnen klar, dass dies ein Gemeinschaftsprojekt war und dass der Herr sie gewiss nicht im Stich lassen würde. Jedoch… wo war er ? Als der Ameisenbär eine erste Einführung in die Theologie gegeben hatte, hatte er damit nicht gerechnet. Jedenfalls war der Delphin schon seit Tagen wieder etwas munterer und freute sich über die Gesellschaft und auch der Flügel der Fledermaus heilte zusehends. Die Giraffe machte sich gut, sie bestimmte, dass der Kurs Ost in Ordnung war und dann gaben sie das Ruder zur Nachtwache in die Hand des Frosches. Der war sich seiner Aufgabe bewusst. Ihm schien, als sei der Mond sein heimlicher Freund, der ihm half. Er schrieb ins Logbuch : ‘Was, wenn der Herr der Gezeiten ein Mensch war ?’ Sie hatten alle von diesen seltsamen Geschöpfen gehört. ‘Kurs Ost in Ordnung, weitermachen’ schrieb er. Dann überprüfte er noch einmal die Positionslichter und rauchte endlich wieder eine Zigarette. Heute hatten alle sehr unruhige Träume.

Ein wenig Durcheinander

Sternzeit 0952,8

Der Ameisenbär hatte sein bestes gegeben, ohne Zweifel. Gegen Mittag, als die Sonne am höchsten stand, haben wir die Versammlung einberufen. Wir lösten die Schot, so dass die Segel killen konnten. Die Fledermaus fragte andauernd ‘U-u-und was machen wir j-j-jetzt ?’, die Spinne hatte sich in der Nähe ihres Kabuffs niedergelassen, der Frosch verkniff sich angesichts des Ernstes der Lage einmal das Rauchen, die Giraffe starrte auf ihre Fussnägel und die Delphine umkreisten das Boot und liessen sich ab und zu zu einem Luftsprung hinreissen. ‘Herr der Gezeiten, wir danken Dir für Deine Gegenwart.’, begann der Ameisenbär. ‘Wieso, wo ist er denn ?’ fragte die Giraffe. Der Frosch räusperte sich. ‘Wo sollen wir weitersuchen ?’ fragte die Spinne. ‘Verstehst Du nicht, er ist schon hier.’ sagte der Delphin. ‘Was meinst Du, er ist einer von uns ?’ musste die Spinne nachfragen. Der Bär fuhr fort. ‘Danke, dass Du trotz unserer Unzulänglichkeiten auf uns Acht gibst. Hilf uns, den nächsten Kurs zu bestimmen. Lass auch nicht nach, gut auf die Delphine zu achten.’ ‘He, was soll das, auf uns braucht niemand achten !’ rief ein Delphin. ‘Dank deiner untierischen Güte verzeihst Du uns unsere Fehler. Wir danken Dir, oh, ja, wir danken Dir.’ Es schien, als würde ein Tumult ausbrechen. Da musste der Bär abbrechen. ‘Hilf mir, die Geduld zu behalten.’ betete er leise weiter. ‘Frosch, ab in die Kombüse, Abendbrot.’ befahl der Bär. Mittlerweile war die Sonne nämlich ein gutes Stück ihrem Lauf gefolgt, und weitersegeln brauchten wir heute auch nicht mehr. Der Ameisenbär nahm sich die Seekarte vor und brütete über dem nächsten Kurs. So konnte es nämlich nicht weitergehen. Damit keine Meuterei ausbrach, machte er noch eine Ansage für alle. ‘Versteht ihr denn nicht ? Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist der Weg. Er ist längst mitten unter uns.’ ‘Warum sehen wir ihn denn nicht ?’ ‘Er ist nicht einer von uns und doch einer von uns.’ ‘Wir müssen von vorn anfangen. Wir sind doch nur ein zusammengewürfelter Haufen auf der Suche nach dem Kurs.’ Wenigstens hatten alle etwas, das sie zum Nachdenken mit in die Koje nehmen konnten.

‘Wir werden weiter nach Osten müssen.’ schrieb der Bär ins Logbuch und klappte es zu. ‘Bitte beobachtet den Mond gut’ bat er noch die Delphine zum Schluss. Es kam ihm vor, als ob sie lächelten. Unser Delphin hatte gute Arbeit geleistet. Sein Kummer schien heute abend weit weg zu sein.

Schaf oder Löwe ?

Sternzeit 0951,3

Wir hatten unseren Kurs nach bestem Wissen und Gewissen überprüft und waren zu keinem Schluss gekommen. Der Ameisenbär war schliesslich der Meinung, dass wir grob nord-östlich weitersegeln mussten und deshalb nahmen wir Kurs Nord-Ost, 45°. Wir hatten unterdessen ein munteres Ratespielchen begonnen, was für ein Tier der Herr der Gezeiten wohl war… Hundkatzemaus, Fisch, Eisbär, Opossum, Insekt, Blauwal oder doch vielleicht ein Elefant. Der Ameisenbär erzählte uns, am ehesten würde er einem Schaf oder einem Löwen ähneln, zumindest hatte er das früher immer gedacht. Der Herr der Gezeiten war aber immer für eine Überraschung gut, soviel war sicher. Nach dem Stand der Sonne war es ungefär 4 – 5 Glasen und wir hatten Windstärke 6, als der Delphin mit einer neuen Meldung angeschwommen kam. Er hatte weitere Delphine entdeckt, darüber war er sehr froh. Wir entschlossen uns, den Delphin als Boten zu der Gruppe auszusenden. Um es kurz zu machen, die Delphine waren begeistert, ein Floß und einen Artgenossen gefunden zu haben, die sie begleiten konnten. Da hatten wir unsere Anzahl auf einen Schlag mindestens verdoppelt. Wir betrachteten die neuen Mitglieder unserer Mission als eine Art Eskorte. Wir fingen zwar keine Wale, aber da brauchten die Delphine wenigstens keine Angst zu haben, aus Versehen harpuniert zu werden. Und wie sie sich freuten… Wir verzeichneten unseren momentanen Kurs im Logbuch und fügten auch einige Noten hinzu, die die Fledermaus, die sehr musikalisch war, aus den Delphinliedern herausgehört hatte. Außerdem erlaubten wir ab sofort das öffentliche Rauchen, da wir es dem Frosch nicht zumuten wollten, immer bis zu seiner Wachschicht zu warten. Als der Mond schliesslich zu sehen war und der Delphinschwarm ihre erste Nachtschicht antrat, sahen wir schon langsam Gesichter in den Wellen. Ob die Delphine wohl mehr über unseren Herrn wussten, als sie zunächst zugeben wollten ? Jedenfalls waren es sehr intelligente Tiere und sie führten uns gut durch die Nacht. Am nächsten Tag wollten wir zum ersten Mal eine öffentliche Versammlung abhalten, um dem Herrn der Gezeiten zu danken, dass bisher alles gutgegangen war. Mit den Wochentagen kamen wir allerdings langsam durcheinander.

Einer von uns

Sternzeit 0948,7

Heute haben wir viel gelernt. Der Ameisenbär hat uns mehr von seinem Herrn erzählt. Er sagte sogar, dass er einer von uns geworden ist. ‘W-w-wie b-b-bitte ?’, fragte die Fledermaus. ‘Wir waren verloren, alle.’, sagte der Bär. ‘Da hat der Herr seinen Sohn geschickt, auf dass er ein Tier wird, wie wir alle.’. Dem Delphin wurde das schon wieder zuviel. Er schwomm wieder außerhalb seines Viertelmeilenradius. Auch die Spinne schien allergisch gegen dieses Seemannsgarn zu sein. Da hatte der Ameisenbär ein Einsehen. ‘Lasst uns angeln.’. Wir warfen unsere Angeln auf der Lee-Seite aus. Geduld, Geduld und abermals Geduld war nun die Lektion, die wir lernen mussten. Zum Glück schien die Sonne und wir hatten noch genügend grüne Flaschen an Bord. Außer dem Frosch fing jedoch niemand etwas. Der Ameisenbär zerlegte den Fisch fachmännisch und die Giraffe briet in uns in unserer Solarpfanne. Heute war der Ameisenbär zwar etwas mürrisch, trotzdem vergaß er nicht, vor der Mahlzeit mit knappen Worten zu danken. Wir wunderten uns, was für ein Tier der Herr der Gezeiten wohl geworden war. Und welcher Sohn war gemeint ? Nach der nächsten Wende echote die Fledermaus den Delphin an, er möge sich doch auch etwas von dem Fisch abholen. Dankbar kam er an, sprang aus dem Wasser und vertilgte sein Teil von dem Abendbrotfisch. Er war in letzter Zeit gar nicht mehr so oft traurig. Das musste damit zusammenhängen, dass er eine tierische Disziplin an den Tag legte und auf seinem Vorhutposten immer öfter sang, auch wenn es niemand hörte. Außerdem hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, dass die Nachtwache auch den Mond genau beobachtete und das Logbuch mit kleinen Assoziationen dazu führte.

‘Abnehmender Mond, keine Schmerzen’, schrieb die Giraffe und klappte das Logbuch zu. Wir waren froh, dass nachts immer einer Wache hielt. Niemand schien überfordert und wir wechselten uns regelmäßig ab.

Zwischenstop

Sternzeit 0943,9

Heute haben wir einen ersten Zwischenstop eingelegt. Gegen 3 Glasen meldete die Giraffe ‘Land in Sicht’. Es handelte sich – wie sich bald herausstellte – um eine Insel. Ob wir an ihrer Küste wohl den Herrn der Gezeiten finden würden ? Der Ameisenbär kommandierte das Anlegemanöver. Nachdem wir unser Floß gesichert hatten, gingen wir von Bord und dann ans Ufer, der Reihe nach, zuerst Giraffe, dann Frosch, der Delphin blieb in Ufernähe, um das Floß zu bewachen und schliesslich Spinne, Fledermaus und als letztes Ameisenbär. Eingeborene sahen wir nicht, aber wir fanden Spuren eines Lagerfeuers am Strand. Wir teilten uns auf und machten uns in Zweiergruppen auf die Suche. Gegen Sonnenuntergang wollten wir uns wiedertreffen. Also, nachdem wir uns auf der Insel umgesehen hatten, berichteten wir uns gegenseitig von unseren Entdeckungen. Spinne und Fledermaus hatten ein unbewohntes Dorf entdeckt. Sie riefen und suchten, hatten aber Niemanden antreffen können. Frosch und Ameisenbär waren am weitesten ins Landesinnere vorgedrungen. Sie hatten sogar einige essbare Früchte mitgebracht, aber ebenfalls ausser einigen Affen nichts entdeckt. Die Giraffe kam als Letztes wieder zurück. Sie war einem Flusslauf gefolgt. Der führte sie bis zur Quelle. Als sie sich mit dem Wasser aus der Quelle erfrischt hatte, war auch sie den Rückweg angetreten. Zum Abendbrot auf dem Floß verspeisten wir die leckeren Früchte. Wir begannen, uns ernsthafte Fragen zu stellen, ob wir auf der richtigen Mission waren. ‘Ameisenbär, meinst Du, der Herr der Gezeiten ist hier irgendwo ?’, fragte die Spinne. Der Ameisenbär schlürfte den Rest aus seiner Frucht und sagte : ‘MMMhmm. Gut möglich, wie ich ihn kenne. Aber wir müssen weiter.’. Das verstand, wer will. War der Herr der Gezeiten etwa mitten unter uns, und wir bemerkten es nicht ? Wir sangen ein Danklied und bargen den Anker. Fledermaus und Delphin unterhielten sich noch über den richtigen Kurs, doch der Ameisenbär war sich sicher, dass wir wieder auf 30° wechseln mussten. Diesmal segelten wir die ganze Nacht durch und blieben alle wach. Wir hatten Lunte gerochen. Aufgeregt unterhielten wir uns über den Kurs, das Danken, den Seemannstod und nahmen uns für den nächsten Tag vor, einmal zu angeln. Langsam nahm der Mond wieder ab.

Durst

Sternzeit 0941,2

Langsam begannen wir uns Sorgen zu machen. Der Ameisenbär hatte heute mächtig einen über den Durst getrunken. Dann erzählte er immer so komisches Zeug. Er öffnete sich ungelogen eine grüne Flasche nach der anderen und ging uns mit seinem Auftrag vom Herrn der Gezeiten mächtig auf den Geist. Die Spinne bekam zwar langsam Heimweh, so wie der Ameisenbär Fernweh hatte, aber wir mussten alle unser Bestes geben, um den Bären zu überzeugen, doch etwas kürzer zu treten. Er erwähnte immer so ein komisches Fremdwort, ‘Zünde’ oder ‘Chünde’ oder so ähnlich. Damit konnten wir alle überhaupt nichts anfangen. Wir wussten nur, dass er doch eigentlich nüchtern bleiben musste, war er doch schliesslich unser Kapitän. Nun, dass würde sich irgendwie ergeben, wir hatten ja die Seekarten und wir konnten auch ganz gut einen Tag ohne ihn navigieren. Wir hatten unseren Kurs inzwischen auf 35° angepasst. Der Verklicker in Kombination mit der Karte verriet uns, wann wir wenden mussten. Die Spinne und die Giraffe legten den Ameisenbären also schon um 6 Glasen in seine Koje. Der Delphin schwamm noch eine Runde, um unsere Umgebung abzusichern, bevor wir heute einmal ankern konnten. Wir waren nämlich alle so erschöpft, dass wir der Nachtwache, die heute die Fledermaus hatte, nicht zumuten wollten, auch noch den Kurs zu halten. Da wir keine bessere Idee hatten, setzten wir uns ohne den Ameisenbären zusammen um den Herrn der Gezeiten anzurufen, er nannte es immer ‘beten’.

‘Beschütze uns auf unserem Weg und lass dich von uns finden. Wir suchen den optimalen Kurs. Unser Lehrer ist besoffen, deshalb pass gut auf uns auf. Senke den Frieden der Nacht über unser Floß und hilf auch dem Delphin, über seinen Liebeskummer hinwegzukommen. Bmen (Verzeihung, Amen).’ Besser bekamen wir es heute Nacht nicht hin. Als wir endlich alle schlafen gingen, sahen wir noch, dass es schliesslich Vollmond geworden war.

Fledermausmagie

Sternzeit 0938,7

Heute waren wir alle mächtig erstaunt über die verschiedenen Kommunikationsarten der Tierwelt. Die Fledermaus hat uns richtig aus der Patsche geholfen und zwar war das so :

Der Delphin war verschwunden. Wir bemerkten das zunächst gar nicht, denn wie Ihr wisst, begleitete er uns in Runden um das Floß herum oder schwomm weit voraus. Als wir ihn allerdings schon geschlagene 2 Stunden nicht mehr gesehen hatten, fingen wir an, uns Sorgen zu machen. Da wir nicht wussten, ob irgendwo Thunfischnetze ausgeworfen waren, mussten wir etwas unternehmen. Die Fledermaus war wieder soweit gesund, dass sie einen Erkundungsflug unternehmen konnte. Wisst Ihr was ? Der Delphin und die Fledermaus sprachen dieselbe Sprache. ‘Ich fliege los und sende meine akustischen Signale aus. Vielleicht antwortet der Delphin.’. Und, was soll ich Euch sagen, es dauerte abermals mehrere Stunden, da kamen der Delphin und die Fledermaus gemeinsam zurück. ‘Wo warst Du denn bloß ?’, schimpfte die Giraffe. Es stellte sich heraus, dass der Delphin einen erneuten Liebeskummerschub erlitten hatte. Dann konnte er nie so gut mit anderen Tieren gemeinsam sein und brauchte seine Ruhe. Schliesslich nahm der Ameisenbär ihn ins Gebet. ‘Wenn Du nochmal so lange wegbleiben willst, sag uns wenigstens vorher Bescheid. Ansonsten habe ich wenig Zweifel, dass der Herr der Gezeiten auch dich liebt und Dir schon den richtigen Weg zeigen wird.’ Vor dem Abendbrot sangen wir einen Kanon. ‘Vom Aufgang der Sonne – bis zu ihrem Niedergang…’. Heute hielten deshalb der Delphin und die Fledermaus gemeinsam Nachtwache. Da konnten sie sich einmal richtig aussprechen. Es konnte nur noch wenige Tage bis zum Vollmond dauern.

Der Herr der Gezeiten

Sternzeit 0933,5

Nun waren wir lange genug unterwegs, fand der Ameisenbär, um uns endlich den Grund unserer Reise mitzuteilen. Diese Geschichte hatte mit seiner Vergangenheit zu tun und es fällt mir am heutigen Abend, wo ich Nachtwache habe, sehr schwer, alles in richtige Worte für den Logbucheintrag zu fassen.

Wie Ihr bereits wisst, hatte der Ameisenbär Theologie studiert und sich lange mit der Bibel beschäftigt. Wir waren auf der Suche nach dem Herrn der Gezeiten, wie der Bär den lieben Gott respektvoll nannte. Die Spinne musste nachfragen : ‘Wie meinst Du das ?’. ‘Ich bin auf der Suche nach einem neuen Auftrag.’, antwortete der Ameisenbär. ‘Der Herr der Gezeiten lässt einen niemals im Stich. Ich hatte mich jahrelang von ihm abgewendet, weil mir seine Politik nicht gefiel. Er will jedoch, dass wir alles freiwillig machen, soviel habe ich jetzt verstanden.’. Der Ameisenbär erzählte uns von seinem jugendlichen Eifer, das Wort zu verbreiten. Im Laufe der Jahre war der alte Seebär jedoch etwas abgestumpft und er war es leid, dass die Leute immer nur einen anderen Weg kuckten, sich abwandten oder anfingen zu lachen oder, noch schlimmer, gemein und gehässig wurden. ‘Nun möchte ich mich meinem Herrn wieder zuwenden. Er hat einen Auftrag für uns. Den werden wir von ihm erfahren.’ Zweifellos war der Bär ein echter Seemann, aber er wollte uns trotzdem nach unserer Meinung fragen. ‘Wie sollen wir ihn finden ?’, fragte die Giraffe, ‘Er wohnt überall und nirgends.’ Die Fledermaus, die auf dem besten Wege der Besserung war, war jedenfalls ganz bei der Sache. ‘G-g-gute Idee. Ich bleibe bei Euch.’, sagte sie. ‘Wir müssen unseren Kurs überprüfen.’ warf der Frosch ein. Der Delphin war heute nur mittelmäßig traurig und half uns jedenfalls mit seinem Vorschlag weiter. ‘Wir stimmen ab.’ schlug er vor, bevor er seine nächste Runde drehte. Schließlich waren wir alle dafür. Der alte Ameisenbär hatte mächtig viele Bücher gelesen und jahrelange See-Erfahrung. Da vertrauten wir ihm. Er würde wissen was zu tun ist. Nun möchte ich nur noch meine leisen Zweifel anmelden, ob wir denn auch den Aufgaben einer so spannenden Suche gewachsen sind. Immerhin müssen wir alle ganz wachsam bleiben und wir sind alle sooo unterschiedlich und haben gerade erst begonnen, zu segeln. Was für Stürme auch immer wir durchqueren mussten, der Herr der Gezeiten würde sich gewiss von uns finden lassen.

Herr, hilf unserem Unglauben, stotterte die Fledermaus vorm Ins-Bett-Gehen. Hier schreibe ich Euch alles auf, was uns geschieht. Der Frosch klappte das Logbuch zu.

Auf seiner Nachtwache war der Frosch diese Nacht ganz besonders froh, dass er endlich wieder eine Zigarette rauchen konnte.

Zwei neue Passagiere

Sternzeit 0925,3

Heute haben wir Zuwachs bekommen. Ich erzähle Euch, wie es dazu kam.

Wir waren weiterhin auf Kurs Nord-Ost-Ost, 30°, und wir hatten etwa Windstärke 4. Etwa gegen fünf Glasen verfing sich eine Fledermaus in unserem Grossegel. Allein konnte sie sich nicht mehr befreien. Wir wunderten uns sehr, wo sie denn wohl herkam, denn wir waren schon lange nicht mehr in Küstennähe. Sie musste einen sehr weiten Weg zurückgelegt haben. Die Giraffe schaltete sofort und kletterte in den Baum, um die Fledermaus zu bergen. Der Frosch wollte soeben in dem kleinen Kabuff im Bug nach etwas Trinkbarem suchen, denn die Fledermaus musste großen Durst haben, als ihm eine Spinne über den Weg lief. Was war denn das ? ‘Wo bin ich ?’, fragte die Spinne, ‘ich muss wohl etwas geschlafen haben…’. ‘Du bist auf hoher See. Doch nun komm mit, wir müssen der Fledermaus helfen.’, sagte der Frosch. ‘D-d-danke.’, sagte die Fledermaus, als sie ein eiskaltes Glas klares Wasser vom Frosch gereicht bekam, sie stotterte etwas. Nun waren wir schon zu sechst. Wir erzählten unseren beiden neuen Passagieren, dass wir auf dem Weg zum Herrn der Gezeiten waren und uns schon vor einigen Tagen auf den Weg gemacht hatten. Erst wollten sie uns nicht glauben, wusste doch jeder, dass Ebbe und Flut abhängig von der Anziehungskraft des Mondes sind. Der Ameisenbär erzählte doch bestimmt nur Märchen. Wie dem auch sei, wir mussten die arme Fledermaus in den nächsten Tagen etwas aufpäppeln. Ganz freiwillig meldete sich die Spinne zur heutigen Nachtwache.

Wie zum Hohn schien heute Nacht ein besonders heller Mond, aber er war noch nicht ganz voll.

Delphinseele

Sternzeit 0923,0

So eine Delphinseele ist ein sehr zerbrechliches Gebilde. Ihr müsst wissen, einst hatte unser Delphin in einer Gemeinschaft mit anderen Delphinen gelebt. Diese Delphingruppe begleitete die Walfangboote westlich von Island. Delphine sind wunderschöne Geschöpfe und sie sind so leicht verliebt wie Schmetterlinge. Ein Delphin gehört in die Freiheit und nicht in ein rundes Wasserbassin, wo er durch das wiederkehrende Echo seiner Gesänge ständig durcheinandergerät. In so ein Bassin hatte unser Delphin nämlich seine Delphinpartnerin verloren, und seit Monaten kam er nicht über diesen Verlust hinweg. Deshalb wurde er so leicht melancholisch und schüttete sein Herz abwechselnd dem Frosch, dem Ameisenbär und der Giraffe aus. Dann wollte der Delphin wieder allein sein und schwomm eine halbe Seemeile voraus. Dass unsere Gemeinschaft zusammen weiterreisen wollte, stand jedoch außer Zweifel. Der Ameisenbär fand wunderbarerweise immer die richtigen Worte, um den unglücklichen Delphin wieder aufzubauen und ihn zu ermutigen. Dann machte der Delphin immer einen Luftsprung, sang ein Lied, dass er von den isländischen Walfängern gelernt hatte, und sei es noch so schief, und vergaß seinen Liebeskummer. Auch wenn unsere vier Gefährten es nur ahnten, las sich der liebe Gott jeden Abend das Logbuch durch und überlegte, welche Wunder er heute für seine heimliche Lieblingsfamilie auf Lager hatte. Meist schickte er lediglich eine leichte Brise, aber wenn er einen richtigen Sturm schickte – denn auch Stürme gehören zu einer Reise – war er sich doch sicher, dass der Ameisenbär in der Zeit seiner Unterweisung alles kapiert hatte, was man braucht, um ein guter Kapitän und Delphinseelsorger zu sein.

Während der nächsten Nacht schickte er deshalb eine Sternschnuppe für alle in Gefangenschaft lebenden Vagabunden, auch Kolibris und Mistkäfer.